J. Monika Walther
Che Faro

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April 2022

Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben’, dove andrò...

singt Orpheus.

Haben Orpheus und Euridice für die damalige Zeit ein normales Leben geführt? Was war für die Griechinnen ‚normal‘? Waschen, kochen, Feld oder Garten bestellen, Kinder aufziehen? Vermutlich sind diese Frauenarbeiten eine eherne Konstante durch die Jahrtausende und existieren selbst im Reich der Göttinnen. Nymphen wurden sexuell belästigt. Euridice kann davon erzählen. Die Götter trieben auch sonst ihr Unwesen, bekämpften einander oder brachten Menschen dazu, unsinnige Taten zu begehen, die dann als Abenteuer ausgegeben wurden. Handel und Wandel hat es gegeben, Orpheus ging Singen, um Geld nach Hause zu bringen, ab und an gab es kriegerische Auseinandersetzungen. Was war von all dem normal?

Seit es Menschen gibt, führen sie Krieg; keine Generation konnte in einer lebenslangen ‚Normalität‘ leben. In einem Zustand der Gewohnheiten, des Bekannten, des Friedens. Auch das Paradies dauerte nicht ewig. Kaum hatten Eva und Adam einen Überblick über den Garten Eden und an allen Heilkräutern gerochen, von allem, außer den Feigen und Äpfeln, gegessen, gab es einen Konflikt und sie mussten jenseits der schützenden Mäuerchen und Engel nackt durch unbekanntes Land streifen und sich um ihr Essen selbst kümmern, also ackern und kämpfen. Das war das neue ‚Normal‘. Das war der Referenzrahmen.

Viele Menschen reden seit Monaten, dass sie sich nach Normalität sehnen, nach ihrem normalen Leben. Für die einen ist das Saufen am Ballermann oder Party in Kroatien, feine Städtetrips, sorglose Fahrten in einem der riesigen Schiffsbunker, für andere gehört Shoppen, zwei, drei Urlaube im Jahr dazu. Essen gehen, sich etwas gönnen. Endlich wieder feiern. Wie vielen fällt auf, dass bei diesen Beschreibungen von Normalität mindestens zwei Gruppen von Menschen, zwei Schichten, Klassen völlig herausfallen? Die wirklich Reichen und Wohlhabenden, die ihre Normalität sehr geschützt immer leben können. Und: die Armen und Ärmeren wie die alleinerziehenden Frauen, alle, die im Mindestlohn sich abrackern, alle mit kleinen Renten. Knapp vierzehn Millionen gelten als arm. So einfach ist es also mit der Normalität nicht.

Aber es ist jetzt im Jahr 2022 wie mit dem Garten Eden: wir können nicht zurück. Nicht in die alte rheinische Republik vor 1990, nicht in die Unschuld vor dem Krieg in Bosnien (1992 bis 1995), nicht in die dreiste Ahnungslosigkeit während der Kriege in Georgien, Tschetschenien und Syrien; wir können auch nicht in das hochherrschaftliche und besserwisserische Verhalten gegenüber Griechenland von 2010 zurück. Die Chinesen haben sich über die Schnäppchen gefreut, die sie erwerben konnten. Diese Blindheit holt Europa aber erst später noch ein. Wir können uns nicht mehr der Illusion hingeben, dass es mit dem Fortschritt immer weiter ginge, womit nicht nur wirtschaftliches und technisches Wachstum gemeint ist, sondern vor allem die Entwicklung der Zivilisation, der Vernunft, die Ausbreitung von Recht, Gesetz, Moral und demokratischer Politik. Nach dem westlichen Modell bedeutet dies parlamentarische Demokratie, Rechtsstaat, Marktwirtschaft, Pluralismus, Marktwirtschaft und Individualismus. Dieses liberale Fortschrittsmodell schien 1989 gesiegt zu haben. Das war zu kurz gedacht und eine Illusion, auch weil all die eingefrorenen Kriege nicht beachtet wurden, so wenig, wie die machtpolitischen Entwicklungen im großen Rest der Welt. Auch die Idee von Nation-Building wie im Irak, in Afghanistan ist gescheitert. Und wie es aussieht, scheitert auch in westlichen Ländern die Demokratie: In der BRD glauben ein Drittel der Bürgerinnen, sie lebten in einer Scheindemokratie, in Frankreich wählen mehr als die Hälfte radikale Parteien. In Ungarn wurde rechts gewählt, ebenso in Polen. In den Vereinigten Staaten tobte ein rechtsradikaler Mister Trump im Weißen Haus. Auch die Islamisten wollen keine demokratischen Strukturen, geschweige denn Väterchen Putin: faschistische Gewalt, Zensur, Unterdrückung im Namen imperialer Ideen vergangener Jahrhunderte. Teilweise rohe Unterdrückung der Menschen, Ermordung. Das sind in vielen Ländern die normalen Referenzrahmen. Die gegenseitige Vernichtungsgefahr wird immer größer. Russland will nicht nur den ukrainischen Staat zerstören, sondern auch die Kultur, alte europäische Städtebilder, Traditionen, die ukrainischen Staatsbürgerinnen ermorden. Das wird in der Propaganda als normal dargestellt.

Der russische Diktator spricht der Ukraine, den Ukrainerinnen das Recht auf einen eigenen Staat, eigene Kultur ab. Gewalt gegen die eigene Bevölkerung und die der angrenzenden Staaten hat in der russisch-sowjetischen Geschichte eine lange Tradition. Im 19. Jahrhundert reiht sich da ein Krieg, eine Gewalttat an die andere, gegen Polen, gegen Ukrainer, gegen Russinnen, im Kaukasus, gegen - Stalin ließ Millionen Menschen in der Ukraine verhungern und sperrte die Grenzen zu. Nicht nur das, es wurden die Sterberegister entfernt. Nichts sollte bewiesen werden, aber es sind fünf bis sechs Millionen Menschen 'ausgehungert'. 1987 durfte das Wort Hungersnot erst gesagt werden. Wahrheit gab es nicht unter den Zaren und nicht in der Sowjetunion. Es gab überhaupt nie eine demokratische, eine liberale Gesellschaft. Es gab selten einen gesellschaftlichen Frieden und fast immer einen Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Aber anders als im 19. und 20. Jahrhundert ist diesmal der Krieg gegen die Menschen in der Ukraine ein Krieg gegen Freiheit und vor allem gegen die Demokratie geworden. Es ist nicht nur Putins Krieg, es ist der Krieg einer Diktatur gegen alle, die dieses System ablehnen, die anders leben wollen. Und deshalb geht uns dieser Krieg sehr grundsätzlich an. Nicht zu vergessen ist, dass Europa nicht mittels Tauben und Reden vom Faschismus befreit wurde, sondern durch die Alliierten, durch die Resistance und andere Widerstandsbewegungen. Wenn wir weiter in einer Demokratie leben wollen mit anderen liberalen Nachbarn, dann müssen wir sehr viel dafür tun. Und endlich aufhören uns in Deutschland immer nur um uns zu kümmern. Lebenslust und Genuss ist etwas anderes. Dazu müsste man allerdings kein Öl, Mehl und Toilettenpapier horten. Der Dorfladen hat nun im Internet Mehl aus Polen bestellt und jede bekommt ein! Paket. Sollte für den Flammkuchen oder Kuchen genügen.

Das ‚Projekt der Moderne‘ dürfen wir nicht aufgeben. Zu begreifen ist, dass Frieden und Demokratie nicht vom Himmel fallen. Kein Gott ist zuständig, die Tür zum Paradies verschlossen.

Wir sind zuständig und müssen im Wissen um all die Diktatoren und Gegner uns für Frieden und Demokratie engagieren, für die Moderne einstehen.

Was tue ich?

Mich freuen, dass der Gedichtband Nachtzüge – Gedichte und gefundene Zettel erschienen ist und auch gelesen wird. Dass demnächst als Band 114 in Nylands Kleiner Westfälischen Bibliothek das ‚Lesebuch‘ von Iris Nölle-Hornkamp über mich erscheinen wird: quer durch alle Genres, quer durchs ganze literarische Leben. Landschaft zu besichtigen.

Was wünsche ich mir: Dass es genügend Menschen gibt, die dem Faschismus und den Diktatoren widerstehen, ja, die kämpfen. Damit wieder verhandelt und Frieden werden kann.

Und: Elisabeth Roters-Ullrich ist am 9. April gestorben. Sie war die letzten Jahre sehr an den Weltzuständen verzweifelt. Deshalb wünsche ich ihr eine Ruhe.

Ohne Elisabeth Roters-Ullrich gäbe es die Autorinnenvereinigung e.V. nicht. Ohne sie hätte es die Treffen und Literarischen Salons in Rheinsberg nicht gegeben, die vielen Seminare in Straelen, Krefeld und Schöppingen. Sie war mit ihrem ganzen Herzen und Wissen nicht nur im Literaturbüro Ruhr für die Schriftstellerinnen, für die Literatur, für eine Vernetzung engagiert, sie hatte immer auch einen Blick für junge Autorinnen. Was haben wir alles organisiert über zwanzig Jahre hinweg.

Sie war die Herausgeberin von 'Schriftstellerinnen im Gespräch - eine Dokumentation' 1995 (tende Verlag, mit U. Theißen) und dem Band: 'Eine jede lege ihr Wissen in die Waagschale - Lesebuch zum 1. Literarischen Salon 1997 (tende Verlag).

Elisabeth Roters-Ullrich war eine Freundin, ja, und auch eine Förderin. Danke.

Jay