J. Monika Walther
Che Faro

Che Faro 2017

Weitere Jahrgänge anzeigen

Che Faro 2016

Che Faro 2015

Che Faro 2014

Che Faro 2013

Che Faro 2012

Che Faro 2011

Che Faro 2010

Che Faro 2009

Che Faro 2008

Che Faro 2007

Che Faro 2006

Che Faro 2005

Che Faro 2004

Che Faro 2003

Che Faro 2002

Che Faro

Was mache ich heute?

Juni 2009

Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben', dove andrò...

"mein Leben – ein Gewehr – Geladen
Stand da – bis eines Tages
Der Eigentümer – es erkannte
Und hat Mich fortgetragen

...

Selbst wenn ich – länger leben könnt
muss Er mich überleben –
Zum Töten habe ich nur die Macht,
Und nicht die Macht zu sterben –"

Emily Dickinson

Der Schmetterlingseffekt ist die chaostheoretische Möglichkeit, dass der Flügelschlag eines brasilianischen Schmetterlings einen Wirbelsturm in Leipzig auslöst, dass also ein komplexes System einen Punkt erreicht, an dem eine winzige Abweichung das gesamte System aus dem Gleichgewicht bringt: ein Blick, ein Schritt, weiterfahren statt abfahren = exponentiale Auswirkungen, zu beobachten auf jedem Snookertisch. Und natürlich in der Liebe, in den menschlichen Beziehungen. Sind Passionen Schicksal? Schärft sich irgendwann der Blick dafür, dass kein noch so vorsichtiges Agieren im Leben von Überraschungen frei bleiben kann, nur werden dann die dramatischen Ereignisse eher erlitten als aktiv gestaltet; die Idyllen sind nicht zu bewahren und die großen Veränderungen kündigen sich an in den winzigen Augenblicken schwindelerregender Freiheit. Und die Ernüchterung in der Traurigkeit des Glücks. Und: sind es vielleicht die vielen kleinen "richtigen" Entscheidungen im Privaten, die wie der Flügelschlag eines Schmetterlings sind und jedem Chaos gewachsen und den großen Katastrophen entgegenstehen? Liest sich nicht logisch – oder? Eher wie die Beweisbarkeit des Unbeweisbaren.

Etwas kann sowohl wahr als unbeweisbar sein. Wahrheit postuliert keinerlei Beweisbarkeit, die Beweisbarkeit nicht die Wahrheit: die Theorie der Unvollständigkeit, also der Beweis, der innerhalb eines formalen Systems etwas Unbeweisbares beweist. Die Bewertung unserer Vernunft kann nicht erreicht werden unter Zuhilfenahme unserer Vernunft. (Gödel). Und: In Abwesenheit von Messung gibt es keine Realität, was wir nicht sehen/messen, existiert nicht: aber das ist dann die Geschichte von Schrödingers Katze in der Kiste der Quantenphysik.

Der Kapitalismus ist das Wirtschaftssystem, in dem jedes Soll ein Haben und jedes Haben eine Schuld ist; das eigene Kapital, das zu einer möglichen Gewinnerzielung aufgewendet wird, ist wie Fremdkapital zu behandeln, jedes Kapital ist wie Fremdkapital zu bewahren und zurück zu zahlen. Ein Eigentümer hat laufend zu prüfen, ob ihm nicht durch die Verwendung seines Vermögens Gelegenheiten entgehen, andernorts höhere Gewinne zu erzielen. Nicht zuletzt ist der Kapitalismus genau deswegen auch eine gesellschaftliche Zumutung, denn er setzt den wirtschaftlichen Vergleich der Gelegenheiten an die Stelle der Würdigung der Sache selbst, ihrer Geschichte, er setzt die Sorge an die Stelle der Schönheit. (Goethe und Dirk Baecker).

Ohne Einführung der doppelten Buchführung hätte sich der Kapitalismus kaum so entwickeln können, wie wir ihn kennen: veröffentlicht im Jahr 1494 von Luca Pacioli, Franziskanermönch, Mathematikprofessor und Freund da Vincis. Doppelte Buchführung ist eine der großen Kulturleistungen der Menschheit. Oswald Spengler nennt Pacioli in einem Atemzug mit Kolumbus und Kopernikus. Doppelte Buchführung ist die Analyse des Wertraumes: die Firma ist = die institutionelle Verselbständigung des Rechts und der Pflicht mit seiner Unterschrift für seine Absichten und Handlungen gerade zu stehen. Den Wechsel für die Überbrückung von Gegenwart und Zukunft und die Vernetzung zwischen Kreditgebern und Kreditnehmern einzulösen.

Firma, Ditta und Ratio: Einer, der etwas unternimmt, bürgt mit seiner Unterschrift dafür, dass er oder sie das Eigenkapital wie Fremdkapital und das Fremdkapital wie Eigenkapital behandelt. Und die Voraussetzung für beides ist die Ratio – also die vernünftige, weil berechnender Umgang mit Mitteln und Zwecken. Ist also Kapitalismus eine Institution der menschlichen Gesellschaft, die wir gar nicht abschaffen können – oder? Eine Schuld ist ein Vermögen und ein Vermögen immer eine Schuld, weil doch schon ausgegeben, nur eine Forderung ist eine Hoffnung in der Zeitachse zwischen Jetzt und der Zukunft. Das Wirtschaften mit ihr enthält die Hoffnung aber nur, wenn auf Gewalt verzichtet wird.

Und was wünsche ich mir? Seelenfrieden: ich bin den ganzen Weg gerannt.

Und was tue ich heute? Eben dies. Und vierhundert Seiten Erzählungen anschauen. So viel?

Jay