J. Monika Walther
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Was mache ich heute?

April 2015

Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben', dove andrò...

Euridice hat im Hades eine Ewigkeit gelebt, denn tot sind wir immer viel länger als wir je gelebt haben . Ob es ihr gut oder schlecht geht, weiß niemand, denn auch eine Ehe mit dem König der Hölle, oder eine Liebschaft, wird nicht ewig dauern. Was aus Orpheus wurde, weiß nur die Literatur. Ob er als alter Mann noch heute in den griechischen Trümmern singt, in einem Pflegeheim unterhält oder in den Kneipen um einen Ouzo bittet, niemand weiß das. Zu wünschen ist beiden, dass sie sich nicht mit jungen Leuten herumärgern müssen, die dann öffentlich über Robert de Niro im Frühstücksfernsehen feststellen, dass er mit einundsiebzig tapprig sich bewegt und auch seinen Kopf nicht mehr im Kreis drehen kann, obwohl er doch so ein „knackiger toller Typ“ war. Was sind das für Erwartungen? Robert de Niro ist als Schauspieler immer noch grandios, auf dem roten Teppich strahlt er Erotik, Charme und Intelligenz aus. Ja, er geht etwas schwerer. Ja, manche mit einundsiebzig sind sportlich fit, wandern, wunderbar: auch von diesen sind einige charmant, erotisch und intelligent – und arbeiten. Andere gehen mit einundsiebzig etwas humpelig, arbeiten, haben Ämter, aber wandern nicht mehr auf den Säntis. Oder rund um den Bodensee. Oder was man sich heutzutage sonst so alles einfallen lässt. Jakobsweg war ja lange die ganz große Mode. Ohne Jakobsweg kein Älterwerden. Ich war auch auf dem Jakobsweg, denn jeder Weg, der nach Santiago de Compostela  führt, ist ein Jakobsweg. Ich stand in Fryslân am Beginn des Jakobsweges im neiderländischen Norden, in Sint-Jacobparochie (in der Nähe von Leeuwarden), dann in Uithuizen, in Hasselt, in Haarlem war ich oft, auch in Antwerpen, Breda, Tournai und Chalons. Alles Orte auf dem Jakobsweg, aber außer schlendrig Herumstehen und etwas Humpeln geht auch nicht mehr so viel bei mir, allerdings habe ich das Glück nicht wie andere mit ihren Falten, Stückchen und etwas mühseligen Kopfdrehbewegungen irgendwo vorgeführt zu werden. Da bin ich doch meist ganz privat.

Die mit den Gewehren und den Schwertern, die sehen wir, da empören wir uns, fordern Strafe, aber bis heute ist kaum begriffen, welche Infamie des Verbrechens vom deutschen Beamtentum zur Zeit des Nationalsozialismus begangen wurde. Womit nicht nur Eichmann gemeint ist, sondern alle Beamten bis hinunter in die kleinen Städte und Dörfer (immer wieder und noch lesenswert: Götz Aly – Hitlers Volksstaat: Raub, Rassenkrieg und Nationaler Sozialismus). Diese Beamten haben auf allen Ebenen sowohl in der DDR als auch in der Bonner Republik weiter gewirtschaftet und agiert. Dazu gehören auch die Verschleppung von Akten, das Verbergen des Unrechts und das Verweigern der Wiedergutmachung, des Wegschiebens, Schweigens. Auch heute ist sehr viel Unglück zurückzuführen auf die Entscheidungen von Beamten und öffentlich-rechtlich Bezahlter: Das Elend vieler Flüchtlinge in Deutschland und sei es, dass Familien getrennt im Frauen- und Männerbereich untergebracht werden, um das Wort Lager zu vermeiden, dass kranke Flüchtlinge keine notwendige Hilfe von Ärzten bekommen, dass das Mittelmeer systematisch zu einem Totenmeer wird, dass ganze Stadtviertel, einschließlich der darin wohnenden Menschen, aufgegeben werden, dass Langzeitarbeitslose verwaltet werden, dass nötige Diskussionen und politische Auseinandersetzungen um die Zukunft Europas und Deutschland unendlich verzögert werden, erst bei uns, dann auf der europäischen Ebene. Und dazu kommt dann noch, dass die Beamten und Öffentlich-Rechtlichen immer von Lobbyisten umgeben sind, geschmiert werden. Eher bekommen irgendwelche Diktaturen Waffen, als dass in einigen afrikanischen Staaten Ausbildungszentren und Ausbildungsbetriebe eingerichtet werden, dass eine europäische Einwanderungspolitik geregelt wird. Für Beamte sind siebenhundert Tote im Mittelmeer immer preiswerter, weil sich da ja die enormen Kosten ganz anders verteilen, als wenn wir verantwortlich handeln. Auch der NSU-Prozess rechnet sich ja für den Staat besser, als die Aussteigerprogramme für Neonazis oder Ausbildungszentren in deutschen Landstrichen, in denen Jugendliche nur die braunen Organisationen als Anlaufstelle haben. Es ist preiswerter, eine syrische Familie, die aus dem Krieg geflüchtet ist, nach Polen zu transportieren, als zu fragen, was denn die Eltern gelernt haben und die Kinder in die Schulen zu schicken. Da müssen dann die deutschen arbeitslosen Langzeitarbeitslosen als Begründung herhalten, dass Flüchtlinge nicht sofort arbeiten dürfen und keine Gesundheitskarte erhalten. Und dann gibt es auch noch Tröglitz, 1937 am Reißbrett entworfen, dann eines der vielen grausamen und mörderischen KZ-Außenlager. Imre Kertész hätte Tröglitz fast nicht überlebt. In dem Roman eines Schicksallosen erzählt der ungarische Schriftsteller von den Qualen. Die Zustände waren so schlimm, dass die Brabag aufgefordert würde, die Häftlinge besser zu versorgen, damit sie länger ausgebeutet werden könnten. Tote wurden mit dem Bauschutt weggebracht. Es gibt sehr viele solcher Lager zwischen Weißenfels, Tröglitz, Merseburg, aber noch heute wird den Schüler zwischen Leipzig und Weimar erzählt, es gäbe nur Buchenwald. Und die Verwaltung der Gedenkstätten meint lakonisch: Tröglitz hätte kein Alleinstellungsmerkmal. Man könne sich nicht um all diese Lager als Gedenkorte kümmern. Ehemalige Häftlinge waren auch dieses Jahr wieder in Tröglitz und anderswo, eben da, wo sie damals schufteten und hungerten.

Haarsträubend wird in Tröglitz die Rechnerei einiger Bürger an diesem Punkt: Rechte, Neonazis, die seit Jahren von Hartz 4 leben, die sich nicht um ihre unehelichen Kinder kümmern, klagen, dass die Flüchtlinge alles Geld bekämen, nein, es sind im Landkreis die Sozialhilfeempfänger, die die Millionen verbrauchen und die wahrscheinlich einen Brand legten und Schaden verursachten. Einige wünschen sich, dass es wieder brennt, damit auf keinen Fall Flüchtlinge in Tröglitz unterkommen. Wie dumm und kurz gedacht.

Was wäre, wenn in Deutschland jede und jeder auf die Straße ginge, der geflüchtet ist oder aus einer Flüchtlingsfamilie stammt: „Ich bin ein Flüchtling“ wäre eine Massenbewegung.

Was wünsche ich mir? Eine kleine Reise zu meinem 70. Geburtstag, entweder an die polnische Ostsee, nach Danzig oder zum Säntis, in die italienische Schweiz, ins Bergell.

Was tue ich? Der Gedichtband ist fertig. Er wird im Juni erscheinen: Abrisse im Viertel. Jetzt trödle ich.

Und: ein Nachtrag. Die Reise zum Genfer See sollte jetzt sein. Abgesagt, aber der Wunsch erfüllt sich auf wundersame Weise. Die kleinen Überraschungen des Lebens. Draußen blüht der Kirschbaum.

Jay