J. Monika Walther
Che Faro

Che Faro 2017

Weitere Jahrgänge anzeigen

Che Faro 2016

Che Faro 2015

Che Faro 2014

Che Faro 2013

Che Faro 2012

Che Faro 2011

Che Faro 2010

Che Faro 2009

Che Faro 2008

Che Faro 2007

Che Faro 2006

Che Faro 2005

Che Faro 2004

Che Faro 2003

Che Faro 2002

Che Faro

Was mache ich heute?

Oktober 2005

Ansichtskarte See

Glitzert Raureif im Sonnenlicht
Glitzert Schmutzgold in der Nacht
Am Tag Kletterrosen weiß
Backstein und Fachwerk
Kaffee und Kuchen
komm kommt schön hier
Fahrt über den See
quer nicht längs
komm kommt schön hier

Da drüben hinter dem See
weit weg jenseits der Himmelspforte
glitzert Raureif im Sonnenlicht
Ravensbrück hinterm Schilf.
Keine Aussicht aufs Ende.

Dieses Gedicht habe ich nicht heute geschrieben, sondern in den drei Stipendienmonaten in Cismar. April bis Juli. An der Ostsee, in der Nähe jener Bucht, in der am 3. Mai 1945 Schiffe mit KZ-Häftlingen von britischen Fliegern bombardiert wurden, weil die Alliierten annahmen, dass die Schiffe voller fliehender SS-Angeh沩ger, voller Mörder seien, - aber das stimmte nicht. Die Erkenntnisse der Abwehr und der Geheimdienste und aller Beteiligten waren verkehrt. Ja, die SS wollte sich retten, wollte fliehen, aber oberstes Gebot der deutschen faschistischen Ordnung blieb bis zum letzten Tag: Häftlinge, gleich welcher Art, auf M䲳che zu schicken, um sie töten zu können: Kinder werden in Hamburg an Heizungsrohre gehängt, Offiziere und Soldaten, die wissen, dass der Krieg am nächsten Tag offiziell zu Ende sein wird, anderswo schon die Kapitulation unterschrieben ist, die das Kämpfen einstellen oder ihre Dienststelle übergeben wollen, werden in allerletzter Minute zum Tode verurteilt, an Laternenpfähle gehängt, erschossen. Das Morden nimmt kein Ende. KZ-Häftlinge aus dem überlegten Neuengamme werden in Schiffsbäuche gestopft und gestoßen, um dann die Schiffe zu versenken.

"Neuengamme war mit 10 000 Häftlingen völlig überf쬬t", sagt Stadtarchivar Wilhelm Lange aus Neustadt, der sich seit knapp 20 Jahren mit dem Thema befasst. "In das Lager waren Tausende Häftlinge gepfercht, die aus achtzig Außenlagern hergetrieben worden waren. Also wurde der perfide Plan gefasst, die Häftlinge auf Schiffe zu verladen, mit denen sie untergehen sollten."

"Am 2. Mai informierte das Schweizer Rote Kreuz die Westmächte, am 3. Mai das schwedische. Daraufhin instruierte die britische Luftwaffe ihre auf Seeziele angesetzten Piloten, nicht die ,Cap Arcona' zu attackieren", sagt Lange. Doch die anfliegenden Piloten erreicht diese Nachricht nicht mehr.

So greifen neun britische Flugzeuge mit Maschinenkanonen und Raketen die in der Neustädter Bucht liegende "Cap Arcona" und "Thielbek" an, voll - mit Häftlingen - und Soldaten. Die "Cap Arcona" explodiert und geht unter, die "Thielbek" sinkt.

"Die Explosion der ⃡p Arcona' kam von innen, und zwar an einer Stelle, wo kein Geschoß eingeschlagen war." Der Archivar Lange will beweisen, dass die Deutschen das Schiff gesprengt haben: "Weitere Hinweise: Es gab keine Rettungsboote, es waren keine hohen SS-Offiziere an Bord, und das Schiff war kurz zuvor mit einer geringen Treibstoffmenge betankt worden, die nicht zum Auslaufen, wohl aber als Brandmasse reichte." Morden als oberstes Ziel einer Nation.

Nach des Archivars Recherchen sind an Bord der "Cap Arcona" viertausenddreihundert Häftlinge, vierhundert Soldaten und siebzig Mann Besatzung. Nur etwa vierhundert Menschen überleben. Auf der "Thielbek" überleben etwa fünfzig von mehr als dreitausend Menschen. "Einige deutsche Schiffe beteiligten sich an der Bergung, andere schossen sogar auf die Schiffbrüchigen", sagt der Archivar. Und: Viele Häftlinge, die das Ufer erreichen, werden dort totgeschlagen. Auch dafür gibt es Zeugen, damals Kinder, die nicht verstanden, was sie sahen. Aber sie beschreiben, dass es da am Ufer keinen Befehlsnotstand gab, da war keiner mit einem Gewehr, der die Leute zwang die Häftlinge zu erschlagen. Das wollten die Leute und die deutschen Soldaten und die SS einfach gerne tun.

Eine noch größere Katastrophe verhindern die Alliierten durch ihren schnellen Vormarsch: Sie eroberten das Schiff "Athen" mit zweitausend weiteren Häftlingen an Bord und befreiten eintausenddreihundert Menschen an Land.

Von den Hauptschuldigen musste sich nach dem Krieg niemand verantworten. "Die Briten haben zwar ermittelt, aber später übergaben sie ihre Akten an die deutschen Behörden, die den Fall nicht engagiert weiterverfolgten." Sagt der Archivar. Die Hamburger SS-Größen beriefen sich erfolgreich auf den Befehlsnotstand auf Grund der Anweisung von Himmler.

Ravensbrück ist ein Ort, der etwas mit meiner Familie zu tun hat. Ich weiß nicht, ob das Gedicht taugt. Es nimmt aber die kleine Geschichte in der großen Geschichte in der Seele, im Gedächtnis, im richtigen und verkehrten Erinnern kein Ende.

Im August wurde ich sechzig Jahre alt, also jetzt fange ich an das mit dem Älter- und Altwerden zu begreifen.

Was tue ich heute: schreiben, im Garten arbeiten, als eitler Fratz mich freuen, dass ich da und dort dieses Jahr ausgezeichnet werde, mich freuen, dass der Wind quer durch die Sonne wirbelt, der Himmel in Amsterdamer Malfarben dunkel wird.

Hiddingsel, im Oktober

J.