J. Monika Walther
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Was mache ich heute?

August 2006

Seit Monaten schreibe ich mordend und die eigene und fremde Seelen plündernd nach Fotografiebildern der Berliner Fotografin Barbara Dietl. Die erste dieser zwölf Erzählungen wird im September in dem bundesdeutschen Kriminalmagazin erscheinen: criMinalis (www.criminalis.de oder Capricorn Literaturverlag). „Der Vorhang“ heißt diese Erzählung. Die nächste war „Die blaue Brille“, dann „Die Callas singt nicht mehr“. Es gibt dann noch „Glasschatten“, „Herz in Stücken“, das ist die gemeinste aller Erzählungen: die beste Freundin in einer Kühlkammer für immer einzuschließen ist das Ende der besten Freundin und auch das Ende der misslungenen Freundschaft. Ich habe es genossen, so frei mordend mich rächen zu können – ganz friedlich hier in den Graten schauend, auf den blühenden Hibiskusstrauch, den blutroten Mohn, die Malven… Aber vielleicht ist das alles nicht wahr und es war Winter als ich „Herz in Stücken“ schrieb, die Ententeiche zugefroren, Mensch und Viechszeug vor Kälte schnatternd im Münsterländer Stromausfall über die abknickenden Elektromasten staunte. Vielleicht aber ist alles wahr und irgendwo liegt eine Leiche in einem Berliner Kühlhaus.

Wie auch immer, heute schreibe ich an der Erzählung Kornblumenblau: „Das Kind ist ein Mädchen….“ Und: Es ist sehr verwunderlich und zum Staunen, wie bei vielen guten deutschen Menschen immer wieder der Antiamerikanismus in der Argumentation durchbricht, die Begeisterung für die Palästinenser, die Ablehnung der israelischen Politik, dabei kann doch jede und jeder wissen, dass die Hisbollah den Südlibanon in Besitz genommen hat, eben dort Raketen aus Syrien und dem Iran bunkert und zwar in Wohnhäusern und Schulen, dass der libanesischen Staat keine Souveränität über sein ganzes Staatsgebiet besitzt, dass all die heiligen Krieger und ihre geistlichen und militärischen Anführer den Krieg wollen, den großen Krieg, die große Macht, das große Schlachten aller Ungläubigen. In Europa wurden diese Schlachten im Mittelalter geschlagen, die Renaissance, die Aufklärung leitete eine neue Entwicklung der Gesellschaften, andere Lösungen, anderes Konfliktverhalten ein, bis Europa im Ersten Weltkrieg mit der Schlacht an der Somme wieder zurückkehrte zu den menschlichen Barbareien, in einem neuen unvorstellbaren Ausmaß: ein Sieg der Grausamkeit, der Quälerei, der Dummheit, der Borniertheit: der Weg war geebnet für noch grausamere Vernichtungsfeldzüge, industriellem Massenmord, Habgier und einem unvorstellbarem Ausmaß an Dummheit und Überheblichkeiten aller Art. Und nur weil die Zeit des Kolonialismus vorbei ist, hat die Ausbeutung der Dritten Welt nicht aufgehört. Wir stehen gerade erst am Anfang zu begreifen, dass wir Afrika und Asien einiges schulden und wir begreifen das nicht gerne und aus Menschenfreundlichkeit oder Respekt vor der Kulturleistungen Afrikas, sondern weil der Leichen im Mittelmeer zu viele werden, weil keine Ruhe mehr einkehren will, weil wir diese Leute nicht in Europa haben wollen, nicht an unserem reich gedeckten Tisch sitzen haben wollen.

Die islamischen Krieger wollen nicht verhandeln und Staatsgrenzen anerkennen, nicht ihre Waffen ablegen, nicht nach diplomatischen Ritualen handeln: das wollten sie nicht in Algerien, nicht im Tschad, nicht in Afghanistan, nicht im Irak, nirgendwo: sie wollen Krieg, Zerstörung und Schlachten. Das lässt sich nicht wegdiskutieren und nicht beschönigen. Und nichts passte diesen Kriegern weniger ins Konzept als ein eigener Staat für Palästinenser, ein geordnetes Zusammenleben der Staaten im Nahost.

Im August 2006

J.