J. Monika Walther
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Was mache ich heute?

April 2011

Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben', dove andrò...

Ob Eurydike ihrem Orpheus eine Frau für gewisse Stunden war? Oder er ihr ein Mann für ungewisse Stunden? Sie liebten einander (vermutlich) und eine Version der Geschichte ist die der Poesie des Verlierens, auch des Verlierens beider Leben. Eine andere Geschichte ist die der Vergewisserung. Beider Geschichte und Herkunft war größer als sie selbst und es gibt unzählige Variationen, Interpretationen: auch die vom Ausbruch der Hausfrau Eurydike, die gerne die Geliebte des Unterweltgottes und seiner Frau war und über ihr eigenes Leben entschied. Ohne Herrn Orpheus. Mit seiner Leier und seiner Musik. Kein Echo mehr war diese Eurydike. Dem Herrn O.

An der Grenze zwischen Spanien und Frankreich, im Valle del Aragón wächst Gras zwischen Schienen, verfällt ein prunkvoller Bahnhof mit Grandhotel. Ausrangierte Züge stehen auf überwucherten Gleisen. Canfranc. Der kürzeste Weg zwischen Madrid und Paris, zwischen Pau und Saragossa. Auf französischer Seite Normalspur, in Spanien breite Gleisführung. Seit 1970 ist auf französischer Seite die Strecke bis Oleron-Ste-Marie unterbrochen. 250 Meter lang ist der prächtige Bahnhof. Stuckverzierungen. Zollstation, Sanitätseinrichtungen, das Grand Hotel. Von 1936 bis 1939 war während des spanischen Bürgerkrieges die Strecke unterbrochen. Dann von 1945 bis 1948. Während des deutschen Faschismus wurden über Canfranc 86,6 Tonnen Gold nach Spanien und Portugal transportiert, darin eingeschmolzen war das „Totengold“ ermordeter Juden: Zahnfüllungen, Schmuck. Im Gegenzug erhielt das Deutsche Reich Wolframerz, dringend benötigt von der deutschen Rüstungsindustrie. Damals residierten im Hotel viele Wehrmachtsangehörige. Viel SS. Das Gold wurde in französischen Eisenbahnwaggons transportiert und nach der Begutachtung durch den Zoll auf Schweizer Lastwagen verladen. Die einen sagen, das Gold wurde nach Portugal geschafft, andere behaupten es wurde ins Baskenland gefahren und in manchen Kriminalromanen wird gesagt: Einige Tonnen landeten in der Schweiz und dort liege in den Tresoren noch immer „Totengold“. Aber auch die Geheimdienste vieler Nationen waren während des Zweiten Weltkrieges in Canfranc vertreten, im Hotel. Und die Flüchtlinge. Max Ernst, Marc Chagall. Von Canfranc fuhr der Zug in die Freiheit. Später flohen deutsche Soldaten durch die Tunnel. Verewigt ist der Bahnhof als Kulisse in dem Film „Doktor Schiwago“.

Was jedem Menschen passieren kann – oder doch nicht: Liquidatoren heißen die Menschen, die Evakuierungs- und Aufräumhelfer, in Japan, in Tschernobyl. 800 000 Männer und Frauen waren eingesetzt, „Bioroboter“ wurden sie genannt und standen am Ende aller Hierarchien: schlechte Versorgung, mangelhafte Schutzkleidung. Viele sind gestorben, fast alle leiden an Krankheiten. Sie waren die Retter Europas. Gewürdigt wurde ihr Einsatz nie.

Was wünsche ich mir? Den Duft des Flieders. Im Mai den Blick in die Cevennen, schöne Essen, Wärme, ein bisschen Glück.

Was tue ich heute: Zu wenig schreiben, viel zu viel Arbeit in der Autorinnenvereinigung, oder genauer für die AV, weil die Bürokratien inzwischen beängstigende Hürden in ihrem Antragswesen errichten. Seit 1993 bauen Elisabeth Roters-Ullrich und andere und ich an diesem Netzwerk, mit Veranstaltungen, Werkstätten, den Foren in Rheinsberg, Veranstaltungen im Literarischen Colloquium in Berlin, in NRW und immer wieder ist seitenlang zu erklären, nachzuweisen in Sachen „Gleichstellung“, wichtig, bundesweit, Berlinbezogen, international wichtig,. Noch wichtiger.

Und: Wenn Gestern und Morgen Heute ist, das fühlt sich gut an. Schrieb ich schon.

Also: Heute ist der Rasen gemäht, die Sonne schimmert, die Erde ist zu trocken und dennoch sprießen die Radieschen.

Jay