J. Monika Walther
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Was mache ich heute?

Februar 2010

Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben', dove andrò...

Jetzt schreibe ich ohne Anführungszeichen von der Literaturkritikerin Iris Radisch ab und verändere, was ich las, weil ich anders schreibe als sie und ich lasse die Begründungen weg, weil - ich kann das, ich schreibe hier und nicht für ein Feuilleton: - Die Medienwelt ist eine Männerwelt. Der Eintritt in die erfolgreichen Bereiche geschieht immer noch von Mannes Gnaden. Was können junge Frauen und Frauen von diesen Männern erwarten: Balz- und Brutpflegeverhalten. In den Ressortleiterkonferenzen sieht es noch immer aus wie in einem jemenitischen Teehaus. Helene Hegemann schien wie manch andere junge Schöne in das patriarchale Frauenpflegeprogramm integrierbar. Aber nun wird als sie ein sehr böses Mädchen ausgeschimpft, kommt vielleicht dennoch in den Himmel oder in der Welt herum, aber die leitenden Kirchenväter sind ärgerlich und wütend, eine Hexe ist sie. Erst ein Wunderkind, eine Heroine der Jugendkultur, jetzt eine Hexe. Erst hat das Wunderkind Helene eine erzählerische Kraft, jetzt hat sie nur abgeschrieben, kann gar nicht schreiben.

Haben diese Männer das Buch je gelesen? Worum geht es? Dass die männlich, akademisch legitimierten Kulturchefs, die Männerkartelle nicht mehr die Kontrolle über alle Bereiche der Medienkultur haben? Alte schöne Männerwelt, in der nur die braven schönen und schlanken Frauen im Theaternebel herumstehen dürfen, selbst dann nur diese, auch wenn sie schreiben können. Ja, die männliche Hochkultur muss um ihre Zukunft fürchten. Und doch hat das männliche Kulturestablishment noch eine gute und wohl bezahlte und satte Zeit vor sich und mag es gar nicht, wenn andere öffentliche Aufmerksamkeit erhalten, jenseits der männlichen Medienkultur und des patriarchalen Systems.

Ich lese viel, Bücher, sehr viele Zeitungen, alles, selbst Speisekarten mit vierzig Seiten. Internet, Zugfahrpläne. Manches davon taucht irgendwann, manchmal Jahre später wieder in einer Erzählung auf. Warum auch nicht? Eine meiner Aufgaben als Schriftstellerin ist es, Welt und Ästhetik neu zusammenzusetzen, einen neuen Blick, Utopie zu suchen.

Vor zwei Wochen bat ich die Kollegin und Schriftstellerin Ulrike Budde, mir drei Sätze über München zu schenken, sie tat es, sie verschenkte sogar vier Sätze und ich verwandte alle ihre Wörter in der Erzählung „Die rote Himmelslaterne“.

Wenn ich beim Schreiben nicht weiter weiß, schlage ich Bücher auf, Julio Cortázar, Passatwinde (bis jetzt habe ich nur einen Satz ihm weggenommen), Uwe Johnson, Pessoa, Stifter, Bachmann, Hannah Ahrendt, alle, wie sie um mich herumstehen, wie sie mich und ich sie ausgesucht haben. Ich schenke ihnen viel Zeit und sie mir manchmal einen Gedanken. Das sind Liebes- und Denkverhältnisse.

Ja - und ich schaue gerne, schaue, esse und lebe. Dasitzen, essen, trinken und schauen. Und da spielt einer, der etwas Leichtes und Schweres kann, im Waldhaus in Sils Maria Klavier Tag für Tag, und da ist einer Maitre am Gendarmenmarkt, und da ist einer Portier und dort eine Bettlerin, da ist ein Mann, der wandert und eine Frau, die immer höher steigt und der ich lange nachschaue wie sie Kehre für Kehre geht und sie schaut, dann winken wir einander zu und wissen gar nicht, wer wir sind. Später konnte uns dann auch keiner vorstellen, weil sie war da oben und ich da unten, später bin ich dann mit dem Mann, der wanderte, die Seilbahn heruntergefahren und wir haben Fellchen gegessen auf gelbem und klebrigen Risotto, das ist dieser Pamsreis, hoch gepriesen. Manchmal schreibe ich also auch vom Leben ab. Aber vielleicht habe ich den Wanderer und die Frau erfunden, vielleicht ist es also genau andersherum. Aber die Fellchen habe ich gegessen und dabei eine Gruppe beobachtet, die von einer rücksichtslosen Domina aus St. Moritz dirigiert wurde.

Im Leben weiß ich zuweilen auch nicht weiter, aber da helfen Bücher und Psychologen bedingt nur – sehr gute Ideen haben sie, nur real bleibt es dann doch beim man. Da nützt das ganze Ich sagen nichts. Also ich. Ich, ja und wie weiter. Ich wünsche. Da können ich und man lange wünschen, ich kann derweil auch was tun und sei es halt als man leben, das schmeckt dann immerhin noch nach Luft und Wind und Tankstelle. Oder anders: wer beobachtet wen? Ich schreibe, aber ich verrate niemanden. Mich auch nicht.

Was ganz anderes: Herr Kohl und Frau Pau. Ein alter Mann und eine junge Frau, ein alter Mann, von dem gesagt wird, keiner hätte mehr für deutsch-jüdische Verständigung getan. Wobei ich nicht weiß, was das ist oder sein soll, weil ja die Juden damals deutsche Staatsbürger waren und nicht glauben wollten, dass sie etwas anderes auf einmal sein mussten und die, die heute in der BRD leben, haben meist auch einen deutschen Pass. Oder ist Deutschsein eine Rasse? Also gut: Das neue geistige Zentrum des neuen deutschen Judentums – Heidelberg, Hochschule für jüdische Studien, wird eingeweiht, niemand kam, alle Politiker unterwegs, wichtig wichtig anderswo. Kein einziger Vertreter der Bundesregierung, auch nicht der Landesregierung. Und wer kam: Herr Kohl im Rollstuhl und Petra Pau. Herr Kohl unterschrieb fünfhundert Spendenaktien. Was ihm nicht so leicht fiel in dem kranken Zustand.

Bleibt die Frage: Was soll deutsch-jüdische Verständigung sein? Damals, also 33 waren wir deutsche Staatsbürger, mit wem müssen wir uns da besonders verständigen. Deutsche Deutsche mit jüdischen Deutschen? Katholiken mit Juden? Oder protestantische Deutsche mit jüdischen Deutschen? Oder warum stehen Polizisten vor jeder Synagoge? Und warum weiß ich katholische und protestantische und auch muslimische Feiertage. Deutsche Deutsche kennen kaum ein jüdisches Fest. Und es bleibt die Frage, was gerade mit unserer Toleranz geschieht in Sachen Muslime und Islam, warum muss sich jeder Muslim plötzlich für das Morden der Tallibane, obskure Suren, Spinnereien und Mordpläne deutscher Sauerländer, den iranischen Präsidenten und alle Attentate in der Welt entschuldigen? Und jede Muslima muss ihr aus eigenem Willen getragene Kopftuch entschuldigen? Warum müssen sich nicht dann die jüdischen Deutschen für ihr Käppi, ihren Hut entschuldigen? Tragen sie ihn freiwillig? Oder?

Und was noch: ein Wort wie Fliegenpapier – ein Herzschlag aus Angst – Racines Phädra aus dem Jahr 1677, das Liebesdrama – und was geschieht, wenn im Zerbrochenen Kleist nicht mehr der Dorfrichter Adam die Hauptfigur ist, sondern Eve, die allein gegen alle liebt, lebt, leidet? Wem gehört die Schuld?

Und was wünsche ich mir? Jetzt im Riss zu sein – und eine Zukunft – jetzt.

Was tue ich heute? Die Erzählung Das Album weiter schreiben, von August Petermann lesen, der den Nordpol erfand, die Tragödie eines Kartografen – und feststellen, dass die Dachrinne hier am Haus in Fryslan gleich an mehreren Stellen undicht ist.

Jay