J. Monika Walther
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Was mache ich heute?

Dezember 2004

Nach dem Krieg sehnten sich alle guten Deutschen nach Hitler zurück, ohne Krieg. Sie arbeiteten wie die Verrückten und die Ruinen sahen aus wie das Heidelberger Schloss, sauber gefegt.

Durch die beiden Diktaturen ist Deutschland ein reines Land geworden. Es sind ja nicht nur die jüdischen und nicht arischen Deutschen, die fehlen. Es sind die Bonhoeffers, die Thälmanns, die Sozialisten, die Scholls und Stauffenbergs, die Wilders und Siereks, die Dietrichs, die konservativen Deutschen im Widerstand, die Christen im Widerstand, die Emigrierten wie die Pempelforts und die Blumenthals, die Wohlraths und die Verjagten, die Hausmeister, die versteckten und halfen, es fehlen alle, die dabei erwischt wurden, wie sie anders dachten und anders lebten, die nicht andere erschießen wollten, die nicht jeden mörderischen Befehl befolgten wie der Leipziger Bürgermeister Carl Goerdeler, nicht zuschlugen; es fehlen diejenigen, die im letzten Kriegsjahr, in den letzten Kriegsmonaten aufgehängt, zu Tode verurteilt, erschossen wurden, gleich ob in Uniform oder nackt, die einer faschistischen Hysterie der Justiz, der Wehrmacht und der Denunziation zum Opfer fielen. In dieser Rechnung fehlen alle Gegengewichte zu gläubigen arischen Faschisten oder denen, die sich tarnen und verbergen konnten. Es fehlen aber auch diejenigen, die im Krieg fielen, an der Front oder in den Städten. Es fehlen aber auch diejenigen, die die Flucht aus Ostpreußen, Westpreußen, Schlesien nicht überlebten. Deutschland wie es nicht mehr werden konnte. Und nicht mehr werden kann.

Nach 1945 geht die Geschichte der deutschen Reinheit aber noch weiter: Die faschistischen Verbrecher flohen, verfassten wie KZ-Arzt Mengele reimende Herz-Schmerz-Gedichte und schrieben Tagebücher, in dem sie ihre Sehnsucht nach deutscher Bratwurst bezeugten, die weltweite Rassenmelange bedauerten und sich selbst bemitleideten. Trotz Entnazifizierung blieben die meisten Faschisten in ihren Ämtern und Stellungen; sie verhielten sich moderater, bedeckter, aber eine andere Grundeinstellung zum Leben, zur Kunst hatten sie ja nie gewinnen können. Befreit hatten sie nicht werden wollen.

In der russisch-besetzten Zone siegten dann endlich die Kleinbürger über die Bauern, die Konservativen, die Christen, die Freidenker, die Philosophen, die Bürger, später dann auch über die zurückgekehrten Emigranten, die träumenden Kommunisten, die radikalen Sozialisten, die Sozialdemokraten, die Liberalen. Und sie siegten über Kapitalisten, Geldbesitzer, Ideenbesitzer, Ladenbesitzer, kurzfristig auch über Westdeutsche, die nicht in ihre Heimat durften, über Amerikaner, Juden, gesellschaftlich unzuverlässige Subjekte und davon gab es viele. Manche davon wollten nur eine echte Levis tragen und hatten mit Stalin und Konsorten nichts im Sinn, die wertvollen Schriften vermutlich nie studiert. Kurzum: In der DDR wurde aus dem schon sehr reinen und reinrassigen Deutschland ein rundum geschlossenes und übersichtlich geordnetes System. Mit einigen Afrikanern aus sozialistischen Bruderländern, die nach dem Fall der Mauer, schnell entfernt wurden und einigen Vietnamesen, die wenn möglich nach Westberlin und Westdeutschland sich retteten.

Inzwischen ist Deutschland wieder mitten in Europa, in einem Europa, dass keinen kalten Krieg führt, dass nicht hermetisch abgeriegelt in Ost und West getrennt ist und statt sich zu freuen, gut zu wirtschaften und die Chancen nach Osten zu nutzen (immerhin haben die polnischen Putzfrauen Deutschland sauber geputzt und jetzt sind es die russischen Frauen, die für Ordnung sorgen), wird zusätzlich zur Hitler-Patriotismus-Debatte nach deutschen Werten gesucht: es müssten ja Werte sein, auf die sich alle Deutschen in Ost und West, Nord und Süd einigen könnten: ist es die Currywurst? Das möglichst groß geklopfte Schweinsschnitzel? Oder sind Freiheit, Toleranz, Rechtstaatlichkeit, Menschenrechte gemeint, aber die sind nicht deutsch, sondern allen Demokratien, einschließlich der Türkei, eigen. Was kann also gemeint sein? Hat es denn je außer im Faschismus und in der DDR ein geschlossenes deutsches Wertesystem gegeben? Zu welchem Preis wurde diese „deutsche Werte-Reinheit“ geschaffen?

Ethisch und religiös sind die Deutschen immer eine sehr gemischte Nation gewesen, die Kultur besteht aus vielen Schichten – und das ist zu begreifen, dass wir in einer arbeitsteiligen Welt leben, in einem offenen Europa und alle verschieden sind, aber in dieser Verschiedenheit uns auf diese Demokratie und Rechtsstaatlichkeit verpflichtet haben, dass kahlköpfige Neonazis diese Demokratie nicht lieben, aber ihre Gesetze einhalten müssen. So einfach ist es. Ausnahmsweise mal ist es so einfach. Es geht nicht um Nichtexistierendes wie Rasse oder Undefinierbares wie deutsche Werte, es geht auch nicht um die Abschottungsträume so vieler Deutscher, die nichts anderes kennen gelernt haben als Diktatur, sondern um die Einhaltung unserer demokratischen Verfassung und unserer Gesetze. Zum Schluss noch die Namen zweier bekennender Patrioten: Bert Brecht und Willy Brandt.

Was ich tue? Schreiben, schreiben, schreiben. Und in die frostig weiße Landschaft schauen.

J.