J. Monika Walther
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Was mache ich heute?

April 2010

Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben', dove andrò...

Wie geht das Schreiben, wenn Buchstaben im Alphabet fehlen? Wie geht das Lieben, wenn der Mensch fehlt, weil doch der, der liebt, geliebt hat, lieben wird und bisweilen weniger eins mit sich, als sie es möchte. Das Gleichgewicht zwischen lieben und sich lieben lassen, zwischen zeigen und verbergen, Hingabe und Rückzug, Schroffheit und Zartheit. Herz über Kopf, Zahl beiseite. Orpheus dreht sich um, Eurydike stirbt. Er ist frei. So einfach kann es sein, aber in der Legende hat ihn kein Glück mehr erreicht.

„In einer landschaft voll nebel
der unvorhergesehene blick
es wäre so schön
die Landschaft würde den nebel
nie wieder los den blick
und du mir klar vor augen stehen
wie an dem tag als ich dich

es dürfte ein betreten der landschaft nicht geben
es dürfte ein kennenlernen nicht geben
ich gehe jetzt und senke den blick
ich gehe mich jetzt verirren
(Michael Lentz/Offene Unruh)

Halte mich fest mit beiden Armen, um nicht zu zerbrechen. Wäre endlich so alt, dass das Herz geradeaus fühlt, dass ich mich tödlich tief verpflichten kann, ohne Schmerz, dass ich verschenke ohne zugesichert zu sein. Wie schreibt Martha Gellhorn, dieser Mensch voller Widersprüche, diese Zeitenbeobachterin, Schriftstellerin, Kriegsberichterstatterin: „Ich habe das alles gesehen, betrunken und nüchtern, und so weiter …. Ich will ein Leben, das zum Platzen aufregend ist, leidenschaftlich und heftig und voller Lachen und laut und lustig wie die entfesselte Hölle, und die restliche Zeit will ich die ganze verdammte Bagage verdammt noch mal vom Hals haben, will allein sein, meiner Arbeit nachgehen und meinen Gedanken und bitte schön keinen Besuch haben.“ Wenn es so einfach wäre. Es ist ihr nie gelungen. Leidenschaftlich und voller Lachen und voller Arbeit. Lachen. Mit jemanden Lachen.

Was schreibt Martha Gellhorn, die sich einsam fühlte bei so vielen Lieben, Ehen, Liebschaften, Leidenschaften, Freunden über die Ehe: „Zwei Menschen leben zusammen und wissen, sie sind zu bestimmten Zeiten zusammen in irgendwelchen vier Wänden. Und nach und nach werden sie füreinander der gemeinsame Nenner: Sie kommen wortlos überein, Visionen und Leidenschaft und das komplizierte persönliche Zeug fahrenzulassen: Sie finden eine gemeinsame Grundlage, die grün ist und weich, und auf der bleiben sie. Dabei können sie ziemlich schrullige, feurige Zeitgenossen sein…. Aber sie sind zwei Menschen, die beschlossen, alle Kanten abzuschleifen, die Stimme zu senken und zu leben. In diesem Moment der Zweisamkeit können sie so wild und frei sein, wie sie wirklich sind; wie sie innen sind, wo sie nie von einer organisierten Gesellschaft gehört haben und der heiteren, rücksichtsvollen, praktischen Institution der Ehe.“ So war es dann aber doch nicht zwischen dem Herrn Hemingway und der Frau Gellhorn Hemingway. So nicht. So war es gar nicht.

Da versuchte sie es 1954 anders: „… Dann ist da noch Tom. Ach. Es ist wohl das Beste, ihn zu heiraten - Ich liebe ihn nicht, aber meine Lieben waren immer ein Verhängnis, während ich bei Freunden einen guten Geschmack habe, und er ist ein Freund. Ich glaube, es würde das Leben erleichtern. Im Augenblick will ich genau das; Erleichterung, einfach weniger verdammten Ärger… Ich bin zu alt für das Leben, das ich geliebt habe und zu handhaben wusste; ich kann jetzt genauso gut meine wenigen Vorzüge und vielen Defizite mit Tom zusammenwerfen. …. Aber höllisch ist es, alles in allem einfach höllisch. … Was ist aus mir geworden? … Ich fühle mich zehn Jahre älter als Gott. Immer Deine M.“ Sie heirateten, gaben sich Mühe und Tom hatte nebenbei eine Jahre dauernde Affäre. Martha Gellhorn ging und schrieb über sich, dass sie die schlechteste Liebhaberin auf allen fünf Kontinenten sei.

Hier bin ich, wo bist du, sag es mir? Ich habe mir das Trinken wieder angewöhnt, um ein wenig zuzuhören und mit Menschen besser reden zu können. So wenige reden wahrhaftig. Die meisten lügen. Und wer übernimmt die Verantwortung? Reden kostet so viel Mühe. Und lohnt sie?

„Einsamkeit ist der universelle menschliche Urzustand und außerdem die universelle menschliche Urangst. Außerstande, ihr zu entkommen, bringen die Menschen ihr leben in dem Bemühen zu, ihrer Einsamkeit zu entkommen oder sie zu lindern. Das ist der eigentliche Grund für Ehe, Fortpflanzung und sehr wahrscheinlich sogar Sex. Aber so etwas wie andauernde allumfassende Kommunikation zwischen Menschen gibt es nicht. Die ganz schlichten Gemüter glauben, Körper, Anwesenheit, Lärm und Stimmen wirken als Gegengift zu Einsamkeit.“

Martha Gellhorn in einem Brief von 1983: „Erlaube mir, als einer, die selbige bereits durchlaufen hat, Dich vor den Sechzigern zu warnen. Ein schwieriges Alter. Weder Fisch noch Fleisch. Ich vertrete die These, dass es sich um die zweite Pubertät handelt, die wie die erste je nach Temperament anhält. Die erste Pubertät ist ein Übergang zum Erwachsensein; die zweite zum Alter. Ich habe meine sechziger mit destruktiver Ruhelosigkeit verbracht, mit dem Bemühen, mich irgendwie in meinem Leben und meiner Haut einzurichten. Sehr dumm. Ich hoffe, Du vermeidest das.“

Angst, Verlangen und Hoffnung versetzen uns in die Zukunft und nehmen das Bewusstsein für Gegenwart, in der wir dann versagen, weil wir in die Zukunft wollen. Also ist Einsamkeit hinzunehmen, wie der Boden unter den eigenen Füßen. Lesen und schreiben hilft, dann bin ich nicht da, schließe mich anderen Leben und Suchen an. Die Destruktion vermeiden. Wenn Sterne schwarze Löcher sind, was sind dann die schwarzen Löcher des Universums? Alles Seelen?

Vor jedem Abschied existiert das Ende. Albern dann die Auftritte und Abtritte, die waren ja schon zehnmal geprobt. Und gewollt.

Und was noch: Wie kann der Mensch überleben, wenn es keinen gibt der ihn vermisst. Keine Frage, kann er nicht.

Und was wünsche ich mir? Wie schrieb Berthold Brecht: „Der den ich liebe hat mir gesagt, dass er mich braucht.“ Bei Sarah Kirsch: „Ich sehe den ich liebe/Und spüre den Mittelpunkt meines Leibs/Umtanze ihn…/ So lief ich vor zwanzig Jahren, da war ich/Mir lieb, auf den durchsichtigen Seen/Und hörte die Wasserflöte die Lockung nicht.“ Ja, ein Regentropfen kann Liebende erschlagen und in den Verrat treiben.

Was tue ich heute? „Und die Fische im Meer, die sah ich nicht, weil sie nicht an den Strand kamen, aber sie waren schön. … Der Sand war wie eine Verlängerung des Meeres, und ich lag darauf wie auf seinen schönen, kalten Fingerspitzen. Ich lag auf dem Rücken und schaute hoch hinauf. Unter den Wolken liebten sich die schönen, schleimigen Quallen, und das Meer wurde voller Schaum davon. … Ja, ich habe vergessen, auch du warst damals schön. Vielleicht weißt du noch, ich schickte dir manchmal leere Ansichtskarten… die waren schön.“ (Hertha Müller/aus Niederungen, der erste Prosaband).

Jay/Le Pouget/France