J. Monika Walther
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Was mache ich heute?

Januar 2006

Ich schreibe über einen goldenen Vorhang, über das Bild eines goldenen Vorhangs, über eine Fotografie, die mir einen goldenen Vorhang mit Fransen zeigt. Vielleicht ist der Stoff nur der Saum eines alten Sessels, mit Fransen daran. Ich weiß es nicht. Ich schreibe die Erzählung „Der Vorhang“.

Ein Auszug aus der Mitte:

Van der Eeje duckte sich kurz unter meinen Wörtern weg. Dann lächelte er wieder. Wie gewohnt. Er lächelte genau wie ich gewohnheitsmäßig und er wusste genau wie ich gerne, wie alles geht im Leben. Gut, reformiert, gut geregelt. So wie ich es gerne hätte, aber nicht habe. Denn er hatte sein schönes kleines Land und ich Deutschland und einen Vorhang, der das glitzernde Paradies versprach und mir die Hölle war. Irdische Begierde und der Himmel. Aber war die Hölle vor oder hinter diesem goldenen Vorhang? Ich hatte getrunken. Große Schlucke. Und schnell. Als ich auf Polizei und Notarzt wartete.

Die tote Frau lag vor dem Vorhang, mit den Zigarettenkippen in den Fransen, vor den dunklen Löchern, die in der Sonne grün schimmerten. Dunkel und grün. Zwischen dem glittrigen Gold.


Und das Ende:

„Gott selbst -. Alle miteinander. Gott selbst. Und alle Ordnung ist zerstört. Was blau leuchtete, war die Hölle, was golden schimmerte, ist eine Täuschung. Keiner von euch hat eingehalten.“ Van der Eeje trank die Flasche aus. Er schaute mich nicht an. Er sah hinaus auf den Kanal, die Wellen glitzerten in der dunkler werdenden Sonne, die Wolken spiegelten sich, das Licht des ganzen Tages schwamm in dem Wasser mit.

„Ist das jetzt das Ende“, fragte van der Eeje.

„Nein“, sagte ich, „es hört nie auf hinter dem Vorhang. Und jetzt sind es noch mehr Tote, die mit Zigarettenstummeln und Mausefallen werfen.“

„Und warum hast du Anneke das Gift fressen lassen?“, fragte van der Eeje noch. „Warum hast du alle Spuren beseitigt? Und deinen Bruder gehen lassen?“ Dann ging er zu den Fenstern und zur Tür und drehte die Schilder um: Gesloten war nun von außen zu lesen. De Dream war gesloten und der Traum vom ordentlichen Leben vorbei.

Und jetzt schreibe ich über Red side of life. Ein anderes Bild, von dem ich später entdeckte, dass es um Tomatenketchup geht und die Antwort auf die Frage: machste mit beim Flachendrehen? Also: dreht man die Ketchupflasche, gelangt man auf die rote Seite des Lebens. Aber bei mir haben sich ganz andere Ideen entwickelt. The red side of life Zero beginnt so:

August 1945


Das Haus, vor dem er stand und eine Zigarette drehte, gab es seit dem sechsten April 1945 nicht mehr. Die rechte Hand, mit der er früher seine Zigaretten mit dem Feuerzeug anzündete, gab es seit der Schlacht von Minsk nicht mehr. Das Feuerzeug, vergoldet, ein Geschenk seiner Schwester, hatte er eingetauscht für faulige Kartoffeln und einen Schluck Korn.

Er war geschickt geworden, die Kinder auf der Straße bewunderten seine Flinkheit, mit der er aus der linken Hosentasche selbst gedrehte Zigaretten zauberte.

Was tue ich heute? Futterrüben auftauen, damit die Meersäue glücklich sind, altes Brot klein schneiden für die Moorenten und für die Brautenten. Und: schreiben über die anderen Seiten des Lebens.

Hiddingsel, im Januar 2006 J.

J.