J. Monika Walther
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Was mache ich heute?

September 2016

Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben’, dove andrò...

Viele klagen, früher war alles besser. Als Jugendliche sagte ich: Krieg war also besser als Frieden heute. Manche der Erwachsene antworteten: „Ja, die Zeit vor dem Krieg war schön. Überall die Fahnen. Alles war organisiert. Uns ging es gut. Und noch bis Stalingrad hatten wir ein gutes Leben. Wir hatten eine deutsche Ordnung.“ Diese Erwachsenen sterben langsam aus, aber es gibt wieder welche, die sich nach diesem Früher und der völkischen Rassenordnung sehnen. Damals konnte die deutsche Frau durch einen dunklen Wald gehen. Heute laufen Neger mit Speeren durch die Straßen und jagen deutsche Löwen. Unsere deutsche Löwen.

Wie war das zu Zeiten von Eurydike und Orpheus? Auch damals gab es schon asymmetrische Kriege. Zwischen Athen und Spartakus. Sie endeten mit bösen Taten wider die eigenen moralischen Gesetze: Felder wurden verbrannt und Speicher angezündet. Erst als auf beiden Seiten alles vernichtet war, konnte neu bedacht werden, wie der Krieg zu beenden ist.

Zusätzlich mischten sich in den vorchristlichen Zeiten unentwegt gute und gierige Götter und Halbgöttinnen, Nymphen und Mänaden in das Leben der Menschen ein. Unberechenbar. Erinnyen, Rachegöttinnen zerrissen Orpheus. Die personifizierten Gewissensbisse. Die Römer nannten sie Furien, die über die Menschen herfielen und sie quälten. Nein, früher und noch früher und ganz früher war es nicht besser, aber anders. Und damals in den Kriegen wie heute in den hybriden Auseinandersetzungen - gleich ob aus geopolitischen Gründen, reiner Machtgier, Kapitalvermehrung oder Ideologien - geht es um Veränderungen. Seit das Universum, das Sonnensystem, die Erde besteht, seit es Menschen gibt: Immerzu verändert sich etwas. Kurzfristig langfristig. Mit und ohne Kriege. Manchmal so langsam, dass viele glauben, es sei alles in fester und unveränderlicher Ordnung. Schon mit dem Zweiten Weltkrieg und in der geruhsamen rheinischen Westrepublik begann sichtbar die Globalisierung des Warenverkehrs und des Kapitals, aber heute und jetzt kommt die Angst auf, dass sich etwas so sehr verändert, dass uns nicht einmal mehr Mauern vor dieser Veränderung schützen werden, dass wir die Nöte, das Leben und das Wirtschaften uns ganz fremder Menschen auf der anderen Seite der Erde begreifen müssen. Ob wir wollen oder nicht. Dass wir alle lernen müssen, die Welt, unser Dorf und unsere vier Wände, uns selbst in einem Atemzug auszuhalten und zu gestalten. Ohne völkische Parolen (die nützen nicht, Kapital und Waren gehen eigene Wege), ohne Brandbomben (kosten nur und verursachen Schäden, die dann wieder alle bezahlen müssen), auf Dauer auch ohne asymmetrische und hybride Kriege. Der Rückzug in eine sichere Vergangenheit (die es nie gegeben hat, auch nicht, als die Männer noch Keulen schwangen und die Frauen Früchte, Samen sammelten und kochten) kann nicht gelingen, gleich wie Volk, Vaterland, Kulturkreise beschworen und Mauern gebaut werden. Das Biedermeier war nicht romantisch und sicher. Die Romantik war nicht auf Dauer angelegt und geschützt. Die Veränderung, vor der Menschen Angst haben, geschieht unentwegt. Wir können sie steuern. Wir können entscheiden, wie und wofür wir leben wollen und dafür einstehen. Leicht und einfach wird das nicht, weil die Veränderungen immer umfassender werden und auch schwer in ihren Möglichkeiten zu begreifen sind. Wer hätte gedacht, dass wir heute die Folgen des 1. Weltkrieges zu tragen haben und gleichzeitig jeder Schrei am Hindukusch auch eine Bedeutung für unser Leben hat. Das Sterben der Dörfer begann weltweit Ende des 19. Jahrhunderts. Die Maschinen kamen. Die Städte, die Banken wuchsen, der Wert des Geldes. Subventionen wurden wichtig. Über ein Jahrhundert verschwand langsam eine ganze Welt und viel Natur.

1648 wurde nach dreißig Jahren Krieg mit dem Westfälischen Frieden eine neue, die westfälische Ordnung geschaffen. Sie hielt über Jahrhunderte. Krieg war ein Monopol von Staaten. Kriege hatten einen Anfang und ein Ende. Soldaten wurden von Staaten bezahlt. Diese Ordnung ging zu Ende. Kriege finden statt, ohne erklärt zu werden, die Staaten haben ihr Monopol verloren, Kriege zu führen. Mit wem soll verhandelt werden. Die Bezahlung der Krieger erfolgt wieder zum großen Teil durch Raub und Vertreibung der Zivilbevölkerung. Wie soll Frieden gefunden werden? Die einen erschießen als heilige Krieger wahllos ohne Warnung Menschen; andere rotten sich zusammen und zünden Häuser an, prügeln, pöbeln. Und Staaten, die sich nicht mit regulären Soldaten einmischen wollen, bomben jahrelang aus der Luft oder es werden Landstriche besetzt und wieder aufgegeben. Alles ohne Kriegserklärungen und ohne Friedensverträge. Jeder gegen jeden und aus Angst vor den Veränderungen möchten mancher Bürger und manche Bürgerin nur noch mit sich selbst allein sein. Fremd und schwer auszuhalten ist dann schon eine Nachbarin mit anderen Ansichten. Und für die Politik, die oft so sehr mit sich selbst beschäftigt ist, wird es nicht einfacher, weil eben nicht nur das große Ganze zu regeln ist, nicht nur Europa, nicht nur deutsche Angelegenheiten, sondern Probleme vor Ort müssen gelöst werden: Warum fährt kein Bus, warum gibt es keine Läden mehr in vielen Landstrichen, wo sind bezahlbare Wohnungen und Arbeit, die angemessen bezahlt wird? Die Politik darf kein Staat im Staat werden, keine Mauschelfirma, die den Forderungen des Kapitals nachgibt. Es muss eine neue Friedensordnung gefunden werden: im Land, in Europa und in der überbevölkerten Welt. Oder wir leben eben in Kriegszuständen. Kapital und Gier gegen alle, Islamisten gegen alle und je nach Präferenzen jeden gegen jede. Hieronymus Bosch hat von dieser Welt schon im 15. Jahrhundert gemalt.

Was tue ich? Immer noch an dem Projekt „Am Weltenrand“ schreiben, Texte zu Fotografien von Henning Berkefeld. Bis Ende des Jahres. Die stillen Fotografien scheinen mir die besten.

Danach geht es weiter mit der Arbeit an den „Fluchtlinien“. Viel Familiengeschichte. Und einem Roman.

Was wünsche ich mir: dass dieses Jahr zur Ruhe kommt. Es waren ein bisschen viele Päckchen zu tragen: Krankheit, Todesfälle, Trauer.

Und: Nichts sagen, die Augen schließen, die Details des Lebens ins Bewusstsein aufsteigen lassen. Neue Entscheidungen treffen. Oder fotografieren.

Ein stilles Bild.

Jay