J. Monika Walther
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Was mache ich heute?

März 2010

Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben', dove andrò...

Eilfertiges Funktionieren? Oder: Also von vorne: Gibt es Phänomene? Denn der Modus jetziger Erkenntniswege ist, alles zum Verschwinden zu bringen: noch ein Doppelpunkt: Das Offensichtliche wird durch das Dahinterliegende erklärt, das Bewusste durch das Unbewusste, das Konkrete durch Irgendwas, und jedes Phänomen durch physikalische Entstehungsbedingungen. Wäre Widerstand und Moral so zu erklären? Also wahr ist – nein wahr ist ja wirklich nix mehr – ich habe das mal geglaubt, also mehrmals – inzwischen weiß ich, Wahrheit löst sich auf, psychologisch, philosophisch, existenziell und persönlich befindlich, psst sch sch, tschonk, schuff, auf, weg – ich bitte darum, dass ein Handschlag noch was gilt. Ein Handschlag, ich stehe dafür. Ich stehe dafür ein. Die Anwohner der Neustraße in Hiddingsel erleben, wie die im Rathaus ihr Wort brechen, wie aus dem Größenwahn von Bebauungspolitik, bei der schon 1993 die Einsicht existierte, mehr als 12 Häuser werden bei allem Wunschdenken nicht gebaut werden, und dafür hätte es weder des Kaufes einer Wiese für 2 Millionen bedurft, noch einer teuren Straße und nun nicht der Belastung von Anliegern im Wert von 160 000 Euro und der Behauptung, das hätten diese gar gewollt und alle wären aufgeklärt worden, was auf sie zukommt und und und, ja, wer die Macht hat, kann sogar behaupten, dass die Existenz der Grundschule und des Kindergartens gesichert sei, bereits schon lange wissend, dass diese Einrichtungen höchstens noch drei bis fünf Jahre existieren können, also wie aus kleinstädtischem Wahn Kostenbescheide werden für Anlieger, weil so leicht kann niemand sein haus abschließen und weggehen.

Alles keine Lügen von Seiten der Stadt, aber auch nicht Wahrheit und Vernunft und eine rationale Interpretation der seit langem vorliegenden Zahlen über die demografische Entwicklung in Hiddingsel, Dülmen und anderswo. Rathauspoltik wie schon von Zola und Balzac beschrieben. Alle Ratsmitglieder bilden eine große Partei der eigenen Interessen, ob es nun Wiesen betrifft, Löschteiche, die bei anderen Bürgern vorgeschrieben sind, deren Anlage sich aber bei Amtsträgern umgehen lässt, ob eine Straße verkehrberuhigt wird, wobei Antragssteller, Anwohner und derjenige, der sich das genehmigt, identisch sind. Keine Opposition, eine Blockpartei. Immer wieder.

Aber zurück zu den Erkenntniswegen: Evidenz bedeutet in der heutigen Philosophie oft genug ein Hinweis auf den Illusionscharakter. Die Biologen versichern uns heute, dass wir keineswegs sind, wofür wir uns halten. Das Selbst und seine Willensakte werden ersetzt durch Hirnzustände. Den Dingen wird nicht mehr ihr An sich, ihr Selbst-sein zugestanden, alles wird zum Objekt und wird nutzbar, benutzbar. So wie das moderne Tauschsystem tendenziell alle Güter in Waren verwandelt und auch jeden Aufstand der Spontaneität mühelos entweder vermarktet oder politisch funktionalisiert. Funktion statt Wahrheit. Nicht das Wesen einer Sache interessiert, sondern ihre Funktion. So leben wir in reinen Mittel-Zweck-Beziehungen und die Menschenwürde gerät zur Verfassungsfolklore.

Könnte Wahrheit wenigstens das sein: mit sich selber befreundet zu bleiben. Und wenn das Leben an einem Punkt ist, an dem die Wege sich gabeln und kreuzen, wenigstens selbst und persönlich an einem der kleinen runden Tische irgendwo in einer französischen Kleinstadt zu sitzen und Ricard zu trinken, das Wasser, den Café, mit den Einkäufen an der Seite, dem Schinken, den Wachteln, dem Ochsenmaulsalat, Käse, Mirabellen, Langoustines, Gemüse, was der Markt hergab – und friedlich zu bleiben. Sich selbst guten Tag sagen. Natürlich: Che faro? Viele Fragen. Was wäre anders, ginge ich dort, statt da? Außer dass ich mit mir selbst befreundet bleibe. Bekannt wenigstens. Es gibt so viele Blicke, die aufzuschreiben sind. Ich werde versuchen jeden Tag wieder mit der Hand zu schreiben, zu notieren, auch wenn ich all die Wörter am nächsten Tag nicht lesen und entziffern kann.

Und was wünsche ich mir? Ich glaube, ich bin sehr dankbar, einen Monat in den Cevennen sein zu dürfen. Und dann wieder in den Niederlanden und vielleicht in Harlem und dann einen Monat in Schweden und dann in Berlin und Rheinsberg und dann wieder in Fryslan und dann in Lettland. Sizilien, sagte meine Mutter gestern, Kind, du musst nach Sizilien. Ich wusste nicht, dass meine Mutter je in Sizilien gewesen ist. Und dann erzählte sie sehr viel über Frederico den Zweiten.

Was tue ich heute? Räumen, packen, hören, schreiben, langsam aufbrechen.

Jay