J. Monika Walther
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Was mache ich heute?

Mai 2006

„Heute beginne ich das Experiment der räumlichen Überwindung menschlicher Sehnsucht.“ Dieser Satz steht unter „Erzählungen“ im Menu Schreiben in meinem PC. Dieses Experiment habe ich seit meiner Kindheit schon sehr oft durchgeführt: Ich sehe was, was ich nicht fühle und bin woanders. Ich fühle etwas, wo ich nicht bin und sehe nichts. Ich fahre nach Liverpool, wo ich nicht hingehöre, weil ich dort zu Hause sein möchte. Ich fahre nach Hause, weil ich weit weg möchte. So kam ich überall an, war zu Hause und fühlte mich lächelnd fremd.

Vor wenigen Jahren stand ich im Flughafen von Montreal, auf der einen Seite des Warteraumes wurde der Flug nach Frankfurt aufgerufen: erst die Menschen, die krank oder behindert waren, dann die Mütter mit Kindern, dann die Familien mit Kindern und dann alle Passagiere in der Reihefolge der Sitzplätze von hinten nach vorne. Die Vegetarier wurden nochmals nach ihren Wünschen gefragt, die koscher und indisch Essenden auch.

Auf der anderen Seite des Warteraumes fand dieselbe freundliche, aber bestimmte Prozedur für den kurzen Flug nach Halifax statt. Ich stand von meinem Sitz auf, dann ging ich bis zur Mitte des Raumes, noch ein paar Zentimeter weiter, und weiter. Dann fragte ich, ob noch Plätze frei wären. Ja. Ob ich buchen wollte? Gleich, ja, gleich später. Gleich. Sofort gleich.

Ich ging zurück auf die andere Seite der Wartenden, dann wieder zu den trinkenden kräftigen Männern, die nach Halifax flogen, zu den karierten Hemden und viel wärmer angezogenen Familien. Die waren alle viel lauter, aßen noch und tranken schnell. Hatten viel zu erzählen. Ich war nahe daran mich in zwei Teile zu zerlegen, einen kleineren, der nach Frankfurt fliegen würde und einen größeren, der den Flug jetzt sofort nach Halifax buchte und aus der mir bekannten Welt verschwand. Was immer auch in Halifax passieren würde. Ich wäre weg. Dort verschwunden, wo sich alles in mir hinsehnte, ohne dass ich es kannte. Ich hätte die Sehnsucht räumlich überwunden.

Als fast alle Passagiere in den beiden Flugzeugen freundlich verstaut waren, stand ich immer noch in der Mitte des Warteraumes und zwei der Betreuerinnen sprachen mich an. Ob ich umbuchen wollte? Ob ich warten wollte? Ob ich –

Ich stieg in das Flugzeug nach Frankfurt. Ich kam an, ich wurde in Liebe abgeholt, aber ich war zweigeteilt. So nahe war ich daran, als eine mir Unbekannte anderswo zu leben. So nahe.

Was ich heute tue? Einen Haydn üben: Semplice. Eine Bacharie lernen. Schreiben, im Garten arbeiten. Schwermut verjagen.

J.