J. Monika Walther
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Was mache ich heute?

August 2003

Was ist artikulierte und unartikulierte Erwartung?

Ludwig Wittgenstein schreibt: "Kann man sagen, die Erwartung ist eine vorbereitende, erwartende, Handlung. - Es wirft mir jemand einen Ball, ich strecke die Hände aus und richte sie zum Erfassen des Balls. Aber sagen wir, ich hätte mich verstellt, ich hätte erwartet, dass er nicht werfen würde, wollte aber so tun, als erwartete ich den Wurf. Worin besteht dann mein Erwarten, dass er nicht werfen wird, wenn meine Handlung die gegenteilige Erwartung ausdrückt? ... Ich war also doch irgendwie nicht drauf vorbereitet, dass der Ball kam."

"Nehmen wir an, ich erwarte jemand: ich sehe auf die Uhr, dann zum Fenster hinaus, richte etwas in meinem Zimmer zurecht, schaue wieder hinaus, etc. Diese Tätigkeit könnte ich das Erwarten nennen. Denke ich nun die ganze Zeit dabei? Letzteres bestimmt nicht. Und wenn ich jene Tätigkeiten Denken nenne, welches wären die Worte, durch die dieser Gedanke ausgedrückt würde? - Wohl aber werden auch Gedanken während dieses Wartens sich einfinden. Ich werde mir sagen: "vielleicht ist er zu hause aufgehalten worden", und drgl. mehr; vielleicht auch die artikulierte Erwartung "wenn er nur käme"

Wichtig ist uns also der artikulierte Gedanke, das zu einem Zweck gemachte Bild. Der Ausdruck der Erwartung ist die Erwartung. Und die Sprache drückt die Erwartung als das Vorbereitende während des Wartens aus. Die Erwartung befriedigt, weil in der Erwartung das erwartet wird, was die Erfüllung bringt. Und dann kann ich sagen, genauso habe ich es mir vorgestellt, aber - sagt dann ein anderer - das ist unmöglich, denn das eine ist die Vorstellung, das andere die Wirklichkeit. Aber warum soll ich nicht meine Vorstellung für die Realität halten oder dass ich in der Wirklichkeit die Vorstellungen entdecke?

Wie sagt Wittgenstein: "Ich kann mir einen Hirsch auf dieser Wiese vorstellen, der nicht da ist, aber keinen töten, der nicht da ist"

Aber vorstellen kann ich mir schon einen Hirsch, den ich töte, der nicht da. Und ich kann jemandem die Hand geben, der erst später oder auch nie kommen wird. Den es vielleicht gar nicht gibt. Das und den und die Hand kann ich mir vorstellen. Ich kann denken, dass es eintreffen wird. Wobei nicht der Erwartete selbst die Erfüllung ist, sondern dass er oder sie gekommen ist, weil das habe ich mir vorgestellt, während ich wartete und artikuliert dachte.

So berühren sich in der Sprache Erwartung und Ereignis. So warte ich, nachdem ich gerade Geburtstag hatte, dass im nächsten Lebensjahr die Erwartungen und die Ereignisse sich nicht nur in meinen Erfindungen berühren.

Was ich heute mache? Ich überlege, ob Ludwig Wittgenstein 1906 jenen Linzer Realschüler Adolf Hitler wahrgenommen hat und ob Adolf jenen Ludwig gesehen hat. Oder ob er sich diesen Wittgenstein in "Mein Kampf" erfunden hat, weil es sich so gut schrieb. Und ich überlege, was hat der eine erwartet und gedacht als Schüler und was der andere. Und stimmt es, dass Ludwig Schubertlieder pfeifen konnte und Adolf gerne pfiff, aber falsch? Und Ludwig dann über ihn lachte? Oder ist das die erfundene Pointe, die vorwegnimmt, dass der eine eine Karriere als großer Rädelsführer machte und der andere als Philsoph?

Geh ich schreiben und erwarte, dass die Wörter eine Sprache finden.