J. Monika Walther
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Was mache ich heute?

August 2011

Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben', dove andrò...

Am 20. Februar 1996 stehen Egon Krenz, Herr Hager, Herr Dohlus, Kleiber, Mückenberger und Herr Schabowski vor Gericht in Berlin. Die Toten an den Grenzen der DDR. Krenz hält die Rede seines Lebens. 52 Seiten. Er beginnt mit 1933. Also Hitler, der faschistische Krieg, die Besatzungszonen, ausgeliefert den Besatzern. Die DDR war mein Leben, sagt Herr Krenz. Jeder Tote hat ihn erschüttert. Aber das System DDR war sein Leben.

50 Jahre Mauerbau. Undeutsche Erinnerungsruhe. Woran erinnern? An das menschenverachtende SED-System, Ulbrichts Lüge vom 15. Juni 1961, niemand habe die Absicht eine Mauer zu errichten. Die Aktion Rose, von Honecker organisiert: 156 Kilometer Vollsperrung in der Sonntagnacht zum 13. August. Fluchtversuche vom ersten Tag an. Die Grenzsoldaten hatten Schießbefehl, erhielten Abschussprämien. Der antifaschistische Schutzwall eine tödliche Grenze. 28 Jahre Gefängnis. Genosse Mielke 1973, Weltjugendfestspiele: Der Schießbefehl wird natürlich nicht aufgehoben. Und weiter wurden falsche Todesumstände konstruiert, falsche Zeugnisse, gefälschte Sterbeurkunden. Eine Diktatur kleinbürgerlicher Art zum Zweiten. In Leerstellen und Halbsätzen ist die Grenze bis heute erlebbar. In der Familiengeschichte. Ein Schmerz quer durch die Seele – das Ausmaß der Planungen zum Mauerbau überraschte selbst die Sowjetunion.

„Vorwärts & nicht vergessen

Es war ein klarer heller Tag, auf den Feldern lag der Schnee dünn. Die Ackerkrume gefroren. Bei den ersten Nachrichten und Bildern im Fernsehen über Grenzöffnungen fuhr ich los. November 1989. Bei Dassow über Felder, der Maschendraht war beiseite gerollt. Volkspolizisten und Soldaten standen aufgereiht, bildeten eine Gasse, durch die Autos aus dem Westen fuhren. Im nassen Nebel war auf der anderen Seite eine Schlange Trabis zu sehen. Es war still. Sehr still. Nur das Laufen der Motoren. Niemand trat beim Warten auf das Gas. Die Soldaten und Polizisten schauten an ihren Körpern nach unten.

Ich füllte ein Formular aus, der Pass wurde mehrmals abgestempelt. Ich war aufgeregt, traurig, wütend, glücklich. In Leipzig geboren; der Ostsektor, die DDR brachten meiner Mutter, meiner Familie kein Glück, auch jenen nicht, die aus der Emigration zurückkamen und an den Antifaschismus glauben wollten. Zu viele der kleinen und großen Nazis waren nun Genossen. Erst Heil Hitler, dann die Faust für Stalin geballt. Die Straßenwarte wurden ausgewechselt. Nicht alle.

Und nicht alle fügten sich in die neue Ideologie. Und nicht alle sagten, die Nazis, die Bösen sind im Westen, wir gehen den besseren Weg. Den Friedensweg. In beiden deutschen Staaten wurde vergessen und verdrängt, dass es andere Nationen waren, die die Balance und diese Art Frieden mit Waffen garantierten.

Als Ulbricht öffentlich schwor, dass keiner der Genossen beabsichtigte eine Mauer zu bauen, flohen meine Mutter und ich in die Westrepublik. Im Winter. Lager Moschendorf. Bodensee. Wir waren fremd in dieser Fremde. Wir konnten nicht mehr nach Hause zurück, bei aller Sehnsucht. Leipzig und Ostberlin war unerreichbar. Die Familie ein weiteres Mal geteilt. Diesmal in Hüben und Drüben, einige gingen zurück nach England, Nordamerika, in die Niederlande. Die Emigrationsorte.

Alle Zonen, beide Republiken standen damals voll mit Trümmern, Ruinen, zerstörten und zerschossenen Fassaden, Brachen, den gelben Hundeblumen zwischen verbogenem Eisen und Kratern, und schwarzen Häuserwänden mit Kreidenotizen: Sind bei Onkel Hans in Berlin. Gehen nach Weißenfels.

Das Graue beherrschte beide Republiken. Panzer, Soldaten, bedrückte Erwachsene, Schweigende. Männer, einarmig, einbeinig. Alle Zonen eine ästhetische Wüste, beide Republiken in den 50er und 60er Jahren voll gestellt mit gelblichen und bräunlichen und dunklen eckigen Möbeln. Geblümte braune Tapeten verkleisterten die Aussicht. Kümmerliche Zimmerlinden waren erster Luxus. Bei Tisch die kargen Gespräche, stummen Blicke. Schweigen. Die Erwachsenen beobachteten einander, freudlos. -

… Ich fuhr an der Ostsee entlang. Nach Rostock, nach Warnemünde. Dann nach Ostberlin, nach Leipzig. Langsam. Bang. Was ich sah, konnte ich nicht glauben, was ich roch und schmeckte, was ich hörte. Eine Zeitreise zurück. Über dreißig Jahre zurück und in ein fremdes Land. Wut und Trauer lähmte mich bei dieser ersten Reise: In Unruhe verirrte ich mich, ich fürchtete mich, diese Heimat, diese Landschaften, diese Straßen zu betreten. Ich fürchtete mich vor dem Kennen lernen. Ich hielt mich fest mit beiden Armen. Ich schrieb leere Ansichtskarten. Ich zeichnete, notierte. Ich hatte Angst, hoffte, sah die alten Bilder, hörte neue Verzweiflung, hörte wie die ersten Menschen die alten Sätze sagten: So schlecht war es bei uns nicht. Wir hatten Arbeit. Wir hatten unser Auskommen. Wir kamen zurecht. Resignation. Hilflosigkeit.

Leipzig. Leipzig, eine Helden- eine Ruinenstadt. Das Haus in der Mariannenstraße, das wunderschöne große Eckhaus meiner Großmutter, ruiniert, die Mieter verzweifelt, wer kauft Kohlen, wer repariert das Dach, im Keller hat es gebrannt. Vor der endgültigen Klärung der Eigentumsverhältnisse durfte ich nichts tun, danach konnte ich nicht. Drei Aktenordner übergab mir meine Mutter, am Ende waren es zwölf.

Das Haus war nicht arisiert gewesen, aber die Miete bewahrte auch niemand für die Eigentümer auf. Als nach dem Krieg meine Mutter aus dem Lager wiederkam, fragte sie niemand, wo sie gewesen war und gab ihr niemand, was ihr zu stand. Aber kümmern sollte sie sich.“ -

Was wünsche ich mir? Noch einmal eine Reise durch Polen, Lettland, Ukraine, Galizien.

Was tue ich heute: Schreiben. Den Schmerz fühlen, damals – vor dem Mauerbau, wissen. Wir müssen da weg, verlieren das Zuhause. Danach wissen, erfahren, ich kann nicht mehr nach Hause.

Und: Wenn Gestern und Morgen Heute ist, das fühlt sich gut an. Schrieb ich schon.

Also: Heute früh gab es Nieselregen. Die Haustür steht offen. Es ist der 12. August. 2011.

Jay