J. Monika Walther
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Was mache ich heute?

November 2015

Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben', dove andrò...

Euridice hatte im Hades einen festen Wohnsitz, vielleicht sogar eine Liebe, nachdem Orpheus sich auf dem gemeinsamen Gang zur Oberwelt umgedreht hatte. Der Sänger eilte in die Oberwelt, um dort von seinem Schmerz zu singen. Euridice wurde nicht mehr gesehen und gehört. Orpheus hingegen zog durch die damals bekannte griechische Welt, soll auch auf Lesbos gewesen sein, fuhr mit den Argonauten und beruhigte mit seinem Gesang das tobende Meer. Ein Straßensänger, ein Herumziehender, ein vergeblich Liebender. Irgendwann ein Mythos, eine Projektionsfläche durch die Jahrhunderte.

Ein Mythos, in jedem Wortsinn, ist auch die Geschichte von den „Deutschen“, als einem Stamm in der Mitte Europas. Da gibt es bis heute eine kollektive und irrationale Vorstellung, mit der versucht wird eine Geschichte der „Deutschen“ zu begründen, möglichst noch abendländisch, christlich und per Rasse. Alles falsch. Mit Deutsch bezeichneten die Römer alle Leute, die nicht Lateinisch sprachen, die „volkssprachlich“ sich verständigten. All diese volkssprachlichen Gruppen, Verbündete, „Stämme“, Bevölkerungen kamen aber nicht aus der Mitte Europas, sondern aus anderen Erdteilen: Asien, Indien, die Bajuwaren wanderten aus der Türkei ein, aus Afrika, Italien, England, aus dem Norden. Und auch als Franken, Ottonen, Sueben, Alemannen, Lugier, Kimbern, Kleingoten und Aberhunderte von Gruppen durch Europa zogen, fühlte sich niemand als Germane und deutsch. Waren sie auch nicht. Sie verbündeten sich, kämpften gegeneinander, miteinander und gegen die Römer. Das spätere Heilige Römische Reich war ein übernationales Gebilde, ein Verbandsstaat von Gruppen, Lehnsgebieten und Personen. Dieses Reich hat sich nie zu einem Nationalstaat wie Frankreich oder Großbritannien entwickelt und sich auch ideengeschichtlich nie als solcher verstanden. Der konkurrierende Gegensatz von Bewusstsein in den Stammesherzogtümern, später dann in den Territorien wurde im Heiligen Römischen Reich nie ausgetragen oder aufgelöst. Ein übergreifendes Nationalgefühl, ein „deutsches“ Wir entwickelte sich nicht. Weder im „Deutschen Bund“ noch in den von Preußen initiierten Staatsformen. Erst ab 1867! wurde versucht große Teile der gleichen Sprachräume in einem Staat zu vereinen. Erst 1871 waren dann Territorium und Sprachraum mit der Proklamation des Deutschen Reiches identisch. Ein gewachsenes Nationalbewusstsein gab es nicht: Jeder kleine Zusammenschluss schaute auf sich und bangte um seine Rechte, seine Wirtschaft. Weit entfernt von der Legende der Nibelungen, die es nie gegeben hatte, vom Deutschsein, das weniger Realität und Mythos war als Orpheus oder Karl der Große. Da waren nur die Preußenkönige, allenfalls die, aber was hatten Alemannen, Schlesier, Sachsen, Friesen, Bayern mit Preußen zu tun? Nichts. Bis heute nichts. Ohne Napoleon, und seine Kriege quer durch Europa, hätten auch Sachsen, Preußen und andere Kleinstaaten nicht zusammengefunden. Es gab die Briten und das Commonwealth, la Grande Nation, die Italiener, ein russisches Reich, die Niederländer und ihre Kolonien. Es gab ein schwaches und glanzloses deutsches Kaiserreich bis 1918, dann eine Demokratie und von 1933 bis 1945 eine faschistische Diktatur. Deutschland als eine Nation, mit allen Pflichten und aller staatlicher Verantwortung entwickelt sich seit der Wiedervereinigung. Jetzt müssen wir unseren Weg in und mit der europäischen Staatengemeinschaft finden und in der Welt einen politischen Platz einnehmen. Dabei helfen uns die Mythen und Erfindungen über ein Deutschtum, über Germanen und Nibelungentreue aus dem Biedermeier des 19. Jahrhunderts nicht weiter.

Wie lange es dauert, bis Demokratie und Freiheit mehr sind als Gesetzeswerke, bis neues Denken auch in der Sprache ankommt, ist zu verfolgen an den „Juden“. Erst jetzt sind „Juden“, sowohl in der Benennung ihrer Geschichte als auch ihres Lebens heute, immer öfter jüdische Deutsche. So einfach kann es sein. Statt jüdischer (türkischer usw.) Mitbürger, was noch eine der netteren Bezeichnungen war und ist.

Was wünsche ich mir? Helga M. Novak, diese große deutsche Dichterin neben der Droste, schrieb in dem Gedicht „Duell“ … „und zum ersten Mal betrügen wir einander nicht kein Sekundant/kein Zeuge nur du und ich im Wald/bitte nicht in die Beine schießen“. Einer ihrer letzten Wünsche. Ich möchte manchmal nur in Abwesenheit sein. In ruhiger innerlicher Abwesenheit.

Was tue ich? Ich freue mich, dass ich im März 2016 als Writer in Residence der Franz-Edelmaier-Residenz für Literatur und Menschenrechte in Meran sein kann. Dass ich dort dann an den Fluchtlinien weiter arbeiten darf. Dank der Schweizerischen Gesellschaft für die Europäische Menschenrechtskonvention.

Und: wer anderes noch und mehr lesen möchte:

Im Schreibhaus erzählen ich (und Monika Detering) von Fryslân, dem Dorf Ee und was ich in meinem Schreibhaus so treibe oder lasse.

Unter Koogschreiber.de sind seit Sommer 2012 Berichte der Frau F. (und des Fotografen Henning Berkefeld) über das Dithmarscher Land, die Elbe und Eider, über Schafe und das Schreiben zu lesen.

Jay