J. Monika Walther
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Was mache ich heute?

November 2010

Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben', dove andrò...

Sind die einzig wahren Gedanken, die der Schiffsbrüchigen? Aber wer weiß, was die sich wieder vormachen. So wie die Menschen einmal dachten, die Erde sei eine schöne runde, mit Ananas, Spargel und Schinken belegte Pizza (vielleicht gar noch mit einem Spaghettiberg in der Mitte, wer hat sich das nur alles ausgedacht und will das essen?). Und die Aufgabe sei es, nicht vom Rand zu fallen und in der Hitze der Hölle zu landen, sondern in der Mitte zu bleiben und zu fressen nach Breughel’scher Manier. Heute umkreisen wir die Erdkugel zu Wasser, zu Lande und zu Luft, machen uns alles, was es auf der Erde gibt, zu eigen, beschädigen, was nur geht, weil wir glauben, nur der kapitalistische Fortschritt und Mehrwert (sprich alles billiger, schneller und noch mehr, noch viel mehr) lässt die gebratenen Tauben in unsere offenen Mäuler fliegen. Also werden auch Herrenhemden in Nordkorea genäht, Label Korea. Da Korea offiziell und staatenrechtlich ein Land ist, genügt juristisch dieses Label, niemand erfährt also dass…. - aber es sind Menschen in Nordkorea, die unter strengster Aufsicht für die Kapitalisten nähen, der Lohn geht an die Herrscher der grausamen Diktatur, umgerechnet erhalten die Näher/innen zwei Dollar Monatslohn, womit sich nicht sterben lässt. All dieses Elend ist uns geringer meist als die inneren Horizontlinien, von denen aus wir in die seelischen Höllen und Abgründe stürzen. Ja, ja, ich gehöre auch zu denen, die da vom inneren Himmel in das tiefe Tal fallen. Und dann nicht mit Rilke zu trösten sind. Denn was schreibt er über den Herbst und meint auch den Herbst des Lebens, eben:

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Ich bin seit Anfang November in Lettland, in der Hafenstadt Ventspils. Im International writers’ and translators’ house. Die Möwen kreisen schwebend und schreiend unter dem Himmel. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich die mächtige protestantische weiß-gelbe Kirche. Viele, die vorbeigehen, bekreuzigen sich nach katholischer Art. In Lettland gilt die altpreußische Liturgie der Lutheraner. Eine komplizierte Geschichte wie sich der Protestantismus seit Friedrich Wilhelm III. in Preußen entwickelte. Verordnungen und Gesetze von oben, Kirchenbündnisse der Gemeinden und Pastoren.

Die große Türe der Kirche wird jeden Morgen um neun geöffnet und bleibt bis zum frühen Nachmittag geöffnet. Dann ist auch der Markt auf dem Platz eine kurze Straße weiter zu Ende, um vier schließen die kleine in einem Keller gelegene Fischhalle und die große Halle mit Würsten, geräuchertem und frischem Fleisch, Brot und einem Stand mit Kuchen. Draußen an den Tischen stehen die Händler und Marktfrauen mit Schuhen, Mützen, Kleidung aller Art, Reisigbünden, Gemüse, vielen Eimern mit eingelegten Gurken, Tomaten und Kohl (Eingelegter Kohl wird viel und gerne gegessen). Es gibt Stände mit Honigtöpfen, Pilzen, Nüssen und Beeren, mit aufgeschnittenem Kürbis und gekochter roter Beete. Und: Blumen sind wichtig, sehr wichtig. Blumen werden immer gekauft. Die Friedhöfe sind Blumenmeere. Arbeiter vom Hafen, nach Hause gehende Männer kaufen im Supermarkt um die Ecke, einen Blumenstengel, Zigaretten und eine Flasche Wodka, manche auch noch Weintrauben. Süßigkeiten gibt es kaum. Mandeln, Nüsse, Honig.

Bis nachmittags überqueren viele Menschen mit kleinen Tüten und Taschen den großen Marktplatz, auf den ich schaue. Frischer und auch geräucherter Fisch, eingelegter Kohl ist billig. Mein Geld werde ich nicht los. Auch wenn ich jeden Tag kurz auf den Markt gehe. Und die paar Meter weiter bis zum Hafen, zur Venta, die hier ins Meer mündet. Am Hafen steht auch die schöne russisch-orthodoxe Kirche. Auch sie öffnet ihre Türen. In beiden Kirchen reparieren, putzen, räumen, reden jeden Tag Gläubige. Gottesdienste gibt es viele.

Ventspils, früher eine Hansestadt, der letzte eisfreie Hafen, ein großer Umschlagplatz, während der sowjetischen Besatzung für Erdöl und Chemikalien. Der Hafen gehört zu den zwanzig größten in Europa. Hier werden Tanker beladen, die über ein Fassungsvermögen bis zu 130.000 Tonnen verfügen. Die Hafenbecken sind tief ausgebaggert.

Seit 1997 hat Ventspils neben dem Freihafen auch den speziellen Status einer Sonderwirtschaftszone. Seit dem Jahre 2000 gibt es von Ventspils über die Geest Nordsee-Linie Containerfrachten nach Großbritanien. Und: Scandlines hat sich aus strategischen Gründen entschieden, den Fährverkehr nach Schweden, Deutschland, Estland und Finnland aufzubauen, obwohl der bis jetzt nur rote Zahlen erbringt. Aber die Zukunft wird das ändern. Die Deutschen Fähren hatten sich wegen der Verluste zurückgezogen, die Letten und Esten haben zu wenige Fährschiffe. Mit einer dieser schwedischen Frachtfähren fahre ich am 25. November zurück nach Travemünde: achtundzwanzig Stunden. Einschiffung ist nachts, Abfahrt morgens um vier.

Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich den großen Weihnachtsbaum, der aus Hunderten von Tannen zusammengesteckt, wurde auf einem riesigen Gestell. Jede Laterne und Straßenleuchte hat inzwischen ihren Engel obendrauf. Der Weihnachtsschmuck, auch an den Häusern, wird jeden Tag mehr. Große Blumengestecke (und Plastiken) stehen in der ganzen Stadt. Im Sommer soll Ventspils ein Blumenmeer sein.

Neben dem sehr schönen Writers House (das alte Rathaus) steht die Bibliothek und sie wird bewacht von einem weitblickenden Soldaten auf hohem Podest. Ventspils ist eine lebendige, aufblühende, geschäftige, sehr arme Stadt. Alt steht neben neu, Häuser zerfallen direkt am renovierten Marktplatz, neue Läden entstehen, Brachland und Trümmergrundstücke, Holzhäuser, Menschen, die ihr Wasser von der Straße in Eimern nach Hause tragen, Armenspeisungen, die Straßen werden mit den Reisigbesen und einer Plastiktüte über dem Arm sauber gehalten, schicke Schuhe, Alte und Junge, überall: alt und neu. Das Durchschnittseinkommen liegt inzwischen bei knapp 500 Euro, auch die Geschäftsführer großer Firmen verdienen nicht mehr als tausend Euro. In Litauen liegt das durchschnittliche Einkommen bei etwas über zweihundert Euro.

Ich bin langsam nach Lettland gefahren, über Berlin, die Oder, Schlesien, vorbei an den Beskiden und Sudeten, sah die Schneekoppe, folgte einigen Spuren meines Großvaters und der Urgroßeltern, dann Kleinpolen, also der Anfang von Galizien, Krakau und Warschau, überall lebendiger Aufbruch, selbstverständliche Gläubigkeit, Tradition und Neues, überall die grauenhaften Spuren des deutschen Mordens und Zerstörens, überall auch die elenden Spuren der sowjetischen Besatzung. Dann Kaunas in Litauen, auch dort Mord und Todschlag, Riga, die europäischste Stadt der Staaten am baltischen Meer. Endstation vieler Deportationszüge, auch den der jüdischen Münsteraner.

Und das ist für mich das Erstaunlichste, in Polen und Lettland, auch bei den Litauern soviel Begeisterung für Europa, so viel Aufbruch, so viel Fähigkeiten in diesem Umbruch, zwischen alt und neu zu leben, sehr weit entfernt vom Missmut in der heute ja noch existierenden DDR. Hier sind alle froh, dass diese Zeiten der Besatzungen und Besetzungen vorbei sind, dass Lettland ein europäischer freier Staat ist, dass es neue Chancen für das eigene Leben gibt. Dann werden eben die Straßen mit Reisigbesen sauber gehalten. Dann heißt eine Landstraße quer durchs Land A 10 und Europastraße 67 und der Feldweg ist die Küstenstraße. Ein schönes europäisches Land, nur Feinschmecker sind sie hier nicht gerade. Es gibt viel zu trinken und viel Kohl und Geräuchertes, Fisch und Fleisch.

Was wünsche ich mir? Diesmal allen, die mir im Jahr 2010 durch einige Täler hindurchgeholfen haben, mit Wörtern, Sätzen, Mögen, Beständigkeit, mir Wohlgesonnensein, - großes und kleines, leichtes und wahrhaftiges Glück. Freude. Danke.

Und doch ein Wunsch: dass ein Zug mich manchmal aus der Zeit fährt….

Was tue ich heute: Schreiben. Morgen fahre ich die Küste entlang nach Norden. Da gilt es auf die Zeit acht zu geben, weil es früh dunkel wird hier.

Und: Kann es sein, dass es keine gute Idee ist, zu lange auf das Leben zu warten? Erst noch dieser Schritt, später und jener, später. Und was muss dann noch getan und geleistet werden? Zuständig sind wir allemal. Und: Wenn die Zeit kommt, platzen die Pfirsiche ja auch im Schatten. Und alle Mühe des Hütens und Wartens war umsonst.

So kann es gehen. Nichts dagegen, dass Äpfel früher in den kühlen Uppkammern gewendet und gedreht wurden. So ist es ja auch mit den Wörtern, ehe sie einen geschriebenen Satz ergeben.

Jay