J. Monika Walther
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Was mache ich heute?

Juli 2014

Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben', dove andrò...

„Gäbe es doch nur böse Menschen, die irgendwo heimtückisch ihre bösen Taten begehen, und müsste man sie lediglich von uns anderen trennen und vernichten. Doch die Trennlinie zwischen Gut und Böse verläuft mitten durch das Herz eines jeden Menschen“, schreibt Alexander Solschenizyn in seinem Buch ‚Der Archipel Gulag’.

Aber was sind böse Menschen, und wer die Guten? Das Selbstbild der Isiskrieger, die morden, kreuzigen und enthaupten besagt, dass sie die guten Krieger sind, die nach tausend Jahren westlicher Herrschaft und Beeinflussung ihr Land befreien. Und der Islamische Staat, um den sie kämpfen (keineswegs als Märtyrer, sie wollen auf Erden herrschen, Öl und Gold besitzen) ist ein Staat mit den einzig guten Menschen auf Erden. Wie alle Fundamentalisten teilt sich die Wahrheit in gut und böse. Wenn wir in Europa das alte Testament Buchstabe für Zeile fundamentalistisch auslegten, wäre kaum ein Christ noch seines Lebens sicher und froh, es sei denn, er bekehrte sich zu diesem fundamentalistischen Terror, den es ja auch schon gegeben hat. Zu beneiden sind die Menschen, die mit einer verinnerlichten Ideologie durchs Leben gehen. Oft unbeirrbar. Ob rechts, links, faschistisch, putinistisch, orthodox, kapitalistisch. Für alles gibt es eine schnelle Erklärung, schnelle Lösungen, schnelle Kriege, schnelles Geld. Ach ja, auch den Stammesfürsten im Irak geht es um Geld. Nicht nur um Isis und den Gottesstaat. Den Oligarchen geht es um Kaviar und Gold, nicht nur um die Separatisten und einen Himmel voller russischer Seeligkeit.

Die Frage ist, was ist uns in Europa wichtig ist, an Werten, Glauben, Geschichten, Politik, Zielen. Wir sind nicht mehr in diesem verlogenen und geschmacklosem Jahrzehnt der Fünfziger Jahre. Damals war zwischen den Trümmern jede Lüge und Verleugnung der Geschichte möglich, der eigenen Geschichte und die der anderen. Gesprochen und erzählt wird erst seit einigen Jahren. Erinnert, geforscht, getrauert, eingestanden, erklärt. 2014 wird langsam begriffen, was im 1. Weltkrieg geschehen ist und was er verursacht hat, dass einige der Kriege heute ihre Ursache in jenem Krieg haben.

Heute könnten wir Mitteleuropäer wissen und entscheiden; wir könnten erkennen, dass die Wachstumsidee eine kapitalistische Ideologie ist, die eben nicht bis ins Endlose funktioniert, dass wir unsere Werte prüfen und auch verteidigen müssen (wir müssen Verantwortung für unsere Vorstellung vom Leben übernehmen), dass die Gier nach Macht und dem ganz großen Geld, Menschen so umtreibt, dass sie nicht bereit sind, sich an Regeln zu halten, dass solche Leute überall sich in Hotelsuiten und auf Yachten zusammentun, um wider alle Gesetze, Moral zu handeln. Egal – ob Hühnchen- oder Schweinefabrikanten, Bio oder nicht, ob Waffenlieferanten oder Banker. Steuerhinterbetrüger aller Couleur oder Grund- und Bodenhändler. Wir könnten wissen, uns informieren. Wir haben gute Grundrechte, nutzen wir sie? Wenigstens zu unseren Gunsten? Wehren wir uns?

Angela Merkel hat Geburtstag. Sechzig Jahre. Sie passt zu diesem Deutschland, dieser Republik und offensichtlich zu uns, gleich wie wir wählen und denken. Sie verschafft uns Seelenfrieden. Weil all das in der Welt und auch in Europa ist doch sehr kompliziert. Wenn wir uns mehr trauten und zutrauten, mehr als diese großen Koalitionen könnte das Ergebnis der Politik auch mehr sein als eine schwarze Null, die in Wirklichkeit tief dunkelrot ist. Inzwischen läuft es ja in diesem Deutschland so wie früher in der DDR: Die Substanz wird verbraucht.

Ich habe noch eine Polaroidkamera. Früher habe ich sie viel benutzt. Um zu sehen, ob das, was ich sehe mit dem übereinstimmt, was da ist. Oder was andere sehen. Heute benutze ich eine Digitalkamera als eine Art Notizbuch. Erst schaue ich, betrachte, dann fotografiere ich alles rund um mich herum, also auch alles, was ich nicht gesehen habe, und das entdecke ich dann Zuhause auf den Bildern. Bleibt die Frage, was sehen die anderen Leute, was fotografieren sie? Wie kommt der Unterschied zustande?

Was wünsche ich mir? Dass nicht alles so schlimm wird, wie es im Augenblick in der Familie ausschaut, dass wir wieder eine Chance auf glückliche Sekunden bekommen.

Was tue ich? Sehr langsam schreiben. Und wenn auch noch die Steuererklärung erledigt ist, dann endlich kann ich an dem Gedichtband: „Die Tränen der Fotografin“ arbeiten.

Und: Ob ich es schaffe, alleine rund um die Ostsee zu fahren?

Jay