J. Monika Walther
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Was mache ich heute?

Mai 2010

Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben', dove andrò...

Skizze - Losgefahren Ende März bei Regen und Kälte. Am Tag davor Hortensien gepflanzt, den Winter im Hof weggeräumt. Zuviel eingepackt. Ein Monat Le Pouget, zu viel Gepäck, innen wie außen. Zu viel und zu wenig. Bei jedem sitzt die Seele woanders. Lebensfreude/Überlebensfreude. Tournus, gelegen auf der halben Strecke zwischen dem westfälischen Dorf Hiddingsel und dem okzitanischen Dorf Le Pouget. Die gleiche Einwohnerzahl. Eine Märie, ein Bürgermeisteramt, eine große Schule, einen Kindergarten, einen Treffpunkt für Eltern und Kindern mit Spielplatz, einen Schlachter, eine Brasserie, ein Restaurant, ein kleines Restaurant, eine Bäckerei, eine Alimentation, einen kleinen Gemüseladen, viele Handwerker, eine Apotheke, eine Bank, einen Blumenladen, eine Epicerie und noch vieles mehr.

Tournus. An der Saone. Eine Kleinstadt mit mächtiger Wehrkirche und Klosterhof, Benediktinerabtei aus dem 11. Jahrhundert, ein Gang mit alten Mosaiken, die Statuen und Heiligen, die alte goldene Maria mit Sohn, die beiden Orgeln, die architektonischen Täuschungen und Irrfenster. Ein Gottesdienst mit Kantorin, Orgel, Gesang, lila Tüchern. Jesus am Kreuz verhüllt. Draußen im Park eine große runde Marianne mit Säbel, wie überall ein Denkmal für die Toten des Ersten Weltkrieges, des Zweiten und die der Resistance. Eine Tafel mit den Namen der Deportierten. Ein Schild an einer Straße für eine Widerstandskämpferin. In der Brasserie neben dem Hotel trinke ich kräftigen dunkelroten Beaujelais, der freundliche Mann hinterm Tresen, mit seiner heiseren Stimme, seinem stillen Lächeln. Die Leute, junge Mutter mit einem Jungen, der Hausaufgaben macht, fragt. Ein Paar stolpert davon, ein bisschen betrunken. Eine Familie nimmt Platz, arme Leute. Laut, unsicher. Blicke nach unten. Eine Dame im Kamelhaarmantel, Pelzchen umgelegt, Zeitung und Buch. Kopf nach oben gereckt. In der Ecke zwei Arbeiter und Weißwein, ein Geschäftsmann, zerknitterter Anzug und Handy. Lautes Lachen, leises Lachen. Ein Wohnzimmer. Der schmale Mann hinterm Tresen mit seiner heiseren Stimme eilt zwischen den Tischen mit Weinflaschen, Erdnüssen, Chips, Kaffeetassen, Kuchen, Croissants. Im Restaurant nebenan esse ich Schnecken, trinke Calvados, ein donnerndes Gewitter.

Am nächsten Morgen und hinter Lyon und hinter den breiten Biegungen der Rhone, hinter den riesigen Tanks und Behältern von Shell und anderen Raffinerien die Sonne, Weinfelder, erste Felder mit blühenden Mandelbäumen, blühende Kirchbäume. Die Abfahrten nach Montélimar, Le Teil und Orange, Avignon, Nimes. Montpellier, Weinfelder mit knorrigen dunklen Stöcken, zwischen den Reihen weiße Blüten, die Pappelallee nach Le Pouget, okzitanische Kreuze an den Rändern der Felder, hinauf, Rue du Bourget, die Gasse/Impasse du Bourget. Das Haus in der Burgmauer. Der weite Blick in die Cevennen, helle und dunkle Berglinien. Einkaufen, auspacken, einrichten. Zu viel Gepäck innen wie außen. In der Ferne jaulende Hunde, Lichter. Nacht. Träume, träume, es gibt mich nicht. Es gibt mich nicht und soll mich nicht geben. Widersprechen ist vergeblich. Die Menschen, die mich nicht kennen, besteigen Züge und reisen ab, ich springe auf den letzten Wagen, Holzklasse, Nachkriegszüge, die Tür zum Abteil ist abgeschlossen, ich klopfe und schreie. Die drinnen sind sich einig, eine Familie, Kinder, Enkel, sie kennen mich nicht, ich falle herunter, schaue dem Zug nach. Es wird hell. Le soleil brille. Die schwarzen Weinstöcke schimmern grün. Die weißen Blüten zwischen den Reihen werden umgepflügt. Männer und Frauen arbeiten sich durch die langen Reihen der Weinfelder, schneiden, binden, graben alte Stöcke aus, abends wehen Rauchfahnen. Im Spatzenbaum verstecken sich hundert Spatzen, drei Katzen, schwarz, rot und gescheckt jagen durch die Rue du Cave, eine schwarze Frau spricht mit ihnen, eine Muslimin trägt ihre Einkäufe nach Hause. Die Bäckersfrau und ihr letztes Brot, sie lacht. Immer das letzte Brot.

In der Nacht fahren wieder Züge durch meinen Kopf. Ich stehe draußen vor dem Waggon, klopfe. Da drinnen sind sie sich einig, sie sprechen miteinander, schauen nicht her, ich springe ab. Es wird hell. Der Flieder beginnt zu blühen, die roten Kastanienbäume. Es duftet nach Erdbeerbaumhonig, nach Rauch, Sonne, umbrochner roter Erde. Die Ebene vor den Cevennen wird farbiger, die Herault fließt schneller, ein Markt in Canet. Zwei Tage. Erdbeeren, Spargel, Kleider, Hüte, Würste, Pflanzen, Essen und Trinken. Eine Katze an der Leine, eine Ziege an der Leine, Erwachsene betteln, Touristen geben Geld. Essen in Gignac, in der Sonne unter den Platanen, Kanal und Brücke, Notre Dame und der Kreuzweg mit seinen dreizehn Kapellen, Essen in Clermont L’Herault auf einer Terrasse über dem Marktplatz, unten wird ein Podest für den Markt am nächsten Tag gebaut; Essen in Lodève am Place de la Republique Le Petit Sommelier, sehr viele Gäste, eine Viertelstunde verschwindet die junge Frau, ein Handy am Ohr, ein rotes Gesicht, Tränen in den Augen, dann weiter im Leben, dort eine Forelle, da vier Vorspeisen, zweimal Entenconfit und Wein und Suze und Brot und Lamm und Lotte mit Trüffeln, ein Café Liègois, ein großer dunkelbraun und in Schokoladensoße sitzender Profiterolle, Eis, Calva, Gitanes Maïs, die riesige Wehrkirche St. Fulcran, das Bischofspalais, das Denkmal für die Toten, Frauen, die um einen mit gespreizten Beinen sterbenden Soldaten des ersten Weltkrieges stehen, die Tafeln für die Toten des Zweiten Weltkrieges, die Deportierten. In jedem Ort, in jedem Dorf steht die Tafel mit der Rede von General de Gaulle in London, Juni 1940. Frankreich hat eine Schlacht verloren, aber niemals wird Frankreich den Krieg verlieren. A tous les Francaises! Vive la France. De Gaulle – der Général. Auch in Le Pouget ein Denkmal, eine Tafel für die Deportierten, die Rede von de Gaulle. Mit seiner Vision fürs 19. Jahrhundert, aber sie taugte für eine 5. Republik und die Befreiung. Überall eine Straße, einen Platz benannt nach einem Widerstandskämpfer, nach einer ermordeten Frau, nach Tapferen. Im Gestrüpp, im Garigue der Cevennen waren viele versteckt, haben überlebt. Wurden aus den Dörfern versorgt.

Essen in Mèze, am Mittelmeer, viele Gäste, der Koch verschwindet, nach einer Dreiviertelstunde wird gesagt, wir haben in der Küche große Probleme, Verwandte kommen, springen ein, es geht weiter mit dem Öffnen der Austern, Kochen der Torteaux und Muscheln, mit Fischsuppe und Cocquille St. Jacques. Der Koch kommt von der Straße, setzt sich wütend auf die Terrasse und raucht. Die Gäste sind voller Geduld und lachen. Das Mittelmeer vor Sète, die ersten Badenden, Sonne, das dunkle Agde, Pézenas, die Fahrt wieder zurück in die Berge. In die Weinfelder, der Duft nach Thymian, Lavendel und Blüten. Die Züge in der Nacht. Ich springe auf, falle herunter. Morgens der weiße Hahn unterhalb der Burg, er spaziert über eine Mauer. Die Ansage Allo allo schallt übers Dorf. Jeden Tag etwas anderes: pommes de terre, Blutspenden, Markt und früher die Kriegserklärungen, Grenzüberschreitungen, Paris est liberée, Frankreich ist frei, der Krieg ist zu Ende, die Marseillaise. Essen in Le Pouget, La Comporte. Italienische Vorspeisen, Escalope milanaise und Pasta, Käse und Mousse au chocolade. Ein Weinstand am Brunnen, auf allen Plätzen im Dorf Pétanque. Die Männer, die Männer. Bernard von nebenan isst Muscheln auf seiner kleinen Terrasse, er winkt. Er winkt jeden Morgen und Abend. Die Weinfelder werden grüner, die Farben kräftiger, der Duft stärker. Die Bäckersfrau lacht, die Blumenfrau stellt immer mehr Pflanzen auf die Strasse, die Tische vor der Brasserie und Pizzeria sind eingedeckt, die bunt angemalte Jeanne d’Arc vor der Einfahrt hoch zur Burg schwingt ihre Fahne höher, die Rue Obscure wird heller. Allo allo. Der alte 90jährige Mann, der jeden Tag auf einer Fensterbank unterhalb der Burg sitzt, zeigt mir seinen Ausweis aus Breslau, fremdvölkischer Zwangsarbeiter, KZ Groß Rosen, vier Jahre. Er küsst mich auf die Wange. Vier Jahre, sagt er, und hält seine Hände überkreuz. Gefangen. Dann schreit er: Guten Tag und Achtung. Bonjour Monsieur, sage ich, berühre ihn und er zeigt mir noch einmal seinen Ausweis. Zwangsarbeiter bei Linke Werke – von Le Pouget verfrachtet in einen Güterwagen nach Breslau. Keine Entschädigung bis heute.

Und was noch? Eine Fahrt durch die Berge. Freunde. Nachts die Züge, immer dieselbe Familie, die mich nicht kennt. Eine Frau, die mich nicht kennen, nicht mit mir sprechen will und wegsieht. Ich falle herunter oder ich springe ab. Ich schaue dem Zug nach. Immer wieder derselbe Traum.

Der Ginster blüht, die Berge werden heller am Tag und dunkelblau am Abend. Einen Storch habe ich gesehen, aber das glaube ich nicht, dass ich einen Storch gesehen habe. Ob jeder hier in Le Pouget am Meer gewesen ist? 30 Kilometer entfernt? In Hiddingsel gibt es nicht wenige Einwohner, die noch nie in Münster waren.

Und was wünsche ich mir? Keine Lügen mehr. Nicht diese Lebenslegendenlügen und diese Lügen, die nicht einmal in Träumen wahr werden können. Oder diese Wortlügen, kaum gesprochen, schon widerrufen. Beiseite getan.//

Und: Duft und Lachen. Wärme und Jambon cru. Zärtlichkeit. Gemeinsames Kochen und Essen, Familie und ein bisschen Glück.

Was tue ich heute? Ich muss die Züge fahren lassen. Und die mir unbekannten Leute, die mich nicht kennen wollen.

Und: Danke, liebe Elisabeth Schmandt für Le Pouget. Danke.

Jay/Le Pouget/France