J. Monika Walther
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Was mache ich heute?

November 2014

Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben', dove andrò...

Shakespeare schrieb in König Richard III.: „Du machtest ja zur Hölle die beglückte Erde.“ Sind es die Herrschenden oder die Bürger, die Dinosaurier wie Helmut Kohl, Putin und Berlusconi oder alle Besserwisser, die Diktatoren, Autokraten oder die lieben guten Menschen, die Fundamentalisten oder der Teufel, die die Erde verwüsten? Und – gab es je eine beglückte Erde? Denn selbst im Paradiesgarten lauerten ja schon Gefahren, gab es Verbote und Verführung, waren Aufgaben zu lösen und war zu gehorchen. Was wäre eine beglückte Erde? Ein Paradiesgarten für Menschen?

Dummheit, keine Ausbildung, kein Wissen sind die größten Übel in der Erdenhölle (Eifersucht und Leidenschaft richten viel weniger Schäden an), auch - weil es beruhigend ist, nichts zu wissen und auf die einfachen Erklärungen zu hören, Schuld zuzuweisen und nichts bei sich zu ändern. Klimaschutz: Wir bauen lieber die Deiche höher (bringt Gewinne) und fahren für zwanzigtausend an den Nordpol, um die Gletscher schmelzen und die Pinguine tanzen zu sehen (bringt Gewinne), als unsere Art zu leben zu verändern (bringt erst später Gewinne, vielleicht aber keine hohe Rendite). Die jungen Nazis haben nicht deshalb keine Arbeit, weil sie ohne Ausbildung und Schulabschluss sind, sondern weil ausgebildete Fremde (Ausländerpack) ihnen die Arbeit wegnehmen, die Arbeit, die sie sowieso nie erledigen könnten oder wollten. Die Juden kümmern sich um das Geld, Russland ums Gas, Fundamentalisten um den Glauben, Neger sind im Gegensatz zu uns faul und dumm und so weiter. Für eine Sekunde erleichtern die Vorurteile und helfen, sich zurechtzufinden. Eine kleine Sekunde. Danach müsste das Denken einsetzen. Wenn nicht - kommt irgendwann die Rechnung für all die kleinen Sekunden der Bequemlichkeiten. Und der Dummheit. Nicht wissen wollen. Dem Komplizierten sich nicht aussetzen. Ja, aber – es ist doch auch schön, Heil und Hurra zu schreien. Es ist schön, mit Fahnen aufzumarschieren. Es scheint auch schön zu sein, zu enthaupten, Menschen zu jagen (egal, wo auf der Welt), sie verhungern zu lassen und ins Elend zu bringen, kleine Mädchen als Sexsklavinnen zu verschachern. So vieles tun die einen Menschen den anderen Menschen an, Männer den Frauen, alle zusammen den Kindern. Da kommt dann zur Dummheit noch die Gier. Nach Macht, nach Gewinnmaximierung, nach Geltung und Glitzer, nach einem Kick. Wer an Gott, den einen glaubte, würde alle Untaten lassen. Aber so ist das nicht mit dem Glauben. Die Menschen machen ganz andere Rechnungen auf. Sie lieben Ideologien, je fundamentaler, um so besser und einfacher. Zur Not müssen dann auch Gott und der Himmel herhalten.

Der Dreißigjährige Krieg: Behauptet wurde von allen Parteien, dass sie wegen diesem oder jenem christlichen Glauben in den Krieg ziehen (es ging um Landgewinn und Machterhalt), initiiert wurde stattdessen eine neue Form des massenhaften Mordens und Tötens: Söldnerheere, die sich ihre Bezahlung bei der Zivilbevölkerung durch Raub, Mord, Vergewaltigung holten. Wallenstein hatte die Tür geöffnet: Kein Geld, also schaut, wo Ihr bleibt, alle miteinander. Ölfelder gab es in Magdeburg nicht, aber dies und das. Wenigstens. Danach kamen Jahrhunderte, in denen die Kriege in einer neuen Ordnung verliefen: Heere gegen Heere, Soldaten im Karree, alle uniformiert, von Trommlern angeführt, die Feldherren zu Pferde auf einem Hügel, die Farben bekannt. Der Faschismus öffnete ein zweites Mal die Tür: zur Résistance, zum Partisanenkampf, zu Einheiten aus Freiwilligen, zu bezahlten Söldnertruppen, die nach 1945 in Afrika reguläre Armeen ersetzten und inzwischen in der ganzen Welt üblich sind. Terroreinheiten, frei vagabundierende Söldner, Kämpfer und Freiwillige, also nur noch asymmetrische Kämpfe, Bombenanschläge, Selbstmordattentate, im Namen von irgendwas und irgendwem. Keine beglückte Erde, sondern viele Höllen, viele Katastrophen, verursacht und inszeniert durch uns Menschen. Und doch gibt es neben den Sekunden der Bequemlichkeit, auch die des Glücks.

Anfang des Jahres starb meine Mutter (92 Jahre alt und bis zuletzt in ihrer Wohnung lebend, länger wäre es nicht mehr gegangen). Ich hatte gehofft, meine Schulzeugnisse zu finden, Fotos. Irgendetwas von mir. Ja, doch – endlich meine Geburtsurkunde, aber keine Fotos, keine, auf denen ich abgebildet war, aber Tausende Bilder und Dias von Reisen. Erst dachte ich, alles mitnehmen, dann begriff ich, diese Fotografien hatten nicht mit mir zu tun. So wie vieles andere, das ich fand. Von mir geschriebene und stolz überreichte Bücher lagen in den hintersten Ecken eines Schrankes. Aber was mit mir zu tun hatte, waren Kladden, Rechenhefte vollgeschrieben mit Zahlen: Einige enthielten ausschließlich Auflistung jeder Reichsmark, jedes Groschens und jeden Cents, der je für das Kind (ich) im Leben ausgegeben worden war: Alle Geschenke waren aufgelistet, jede kleinste Ausgabe, jedes Schulheft, jede Unterstützung, jedes Kleidungsstück. Auch der Preis einer billigen Schokolade, die meine Mutter in meine Familie verschenkt hatte, war aufgelistet. Jahr für Jahr waren diese Ausgaben zusammenaddiert und Jahr für Jahr fortgeschrieben. Für mein Studium hatte ich gearbeitet, aber jedes Päckchen zum Geburtstag fand sich im Geldwert notiert wieder. In anderen Rechenheften waren die Inhalte der Pakete zu Verwandten in die DDR aufgelistet. Die Ausgaben bei Besuchen oder welche Ausgaben durch Gäste entstanden waren.

Und – ich fand Zettel, auf denen aufgelistet war, Jahr für Jahr seit 1951, wer wohin seine Füße gesetzt hatte: Diese Reisezettel ergeben ein Parallelleben, das Kind wurde da und dorthin geschickt, während die Erwachsenen ganz andere Wege gingen: nach England, Niederlande, sehr oft in die Schweiz (angeblich war kein Geld da, aber die Schweiz in den 60er Jahren war teuer), Österreich, Italien, wieder England und immer Schweiz, Tessin, Italien. Auch Hamburg, Baden-Baden. Schwarzwald. Ich bin als Kind durch die vielen Umzüge und die Herumschickerei sehr viel herumgekommen. Ein Teil dieser seltsamen Unruhe ist mir geblieben, aber als ich mein Abiturzeugnis in Händen hielt, war mein Koffer gepackt und ich wollte mich aufmachen, wenn schon keine Heimat zu finden (nach Leipzig konnte ich nicht zurück, die Mauer war gerade erst gebaut worden), dann wenigstens ein Zuhause mir aufzubauen. Nicht gelingen konnte es, mit meinem Leben wieder etwas herzustellen, was durch den Faschismus und die DDR zerstört worden war. Bleibt also das Bild von meiner Großmutter, wie sie in einem Stuhl sitzt – und mich anschaut. Gekannt habe ich sie nicht.

Was wünsche ich mir? Eine neue Kamera. Ja, am Ende dieses Jahres ein erfüllbarer Wunsch, denn alles andere – Tag für Tag. Step by step. Was tue ich? An der Mosel war ich und habe zwei sehr schöne Tage mit Angela di Ciriaco (Dramaturgin und Übersetzerin) verbracht. Sie hat mir vieles gezeigt, das war schön. Und wir haben gut gegessen. In Friedrichskoog war ich im schönen Schreibhaus des Fotografen Henning Berkefeld. Und jetzt: Zusehen, wie das Gras langsamer oder nicht mehr wächst. Schreiben. Wort für Wort.

Und: Ob ich es schaffe, alleine rund um die Ostsee zu fahren? Die Frage ist noch offen. Aber eine Reise um den Genfer See, die ist sicher.

Jay