J. Monika Walther
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November 2011

Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben', dove andrò...

Und wieder ist Weihnachten, sagt Euridice und wünscht sich für Sekunden in den Hades zurück und den Küssen. Aber da war ja Orpheus singend gekommen, also wieder hinauf und zurück in das alte Leben. Und wieder ist Weihnachten. Die Weihnachten folgen so rasch aufeinander. Also die Weihnachtsbeleuchtung, Gebäck. Sie nimmt das Brotmesser. Orpheus stürzt herein, sagt: Es ist nicht meine Schuld, dass ich mich umdrehte und schaute. Leg bitte das Messer weg. Küsse mich. Deine Umarmungen sind wunderbar. Ohne Messer. Also noch ein Weihnachten, denkt Euridice und legt das Messer beiseite. Schon wieder Weihnachten und ein Jahr vorbei.

2011 war eine seltsame Zeit, strange und – wahr. Es ist strange, wenn Wahrheit wie Trümmerstücke nach einem Flugzeugabsturz auftauchen. Oder sich wie zerrissene Zettel, Belege, Aufzeichnungen fügt - mit viel Geduld zusammengeklaubt. Die Stasiunterlagen, die zusammengesetzt werden, sind ein Beweis für Geduld und dass Wahrheit später, spät, aber irgendwann auftaucht. Und sei es aus Versehen. Ein Satz. Wörter. Innere Ahnung, die sich durch Buchstaben, Laute, Scherben, Fitzel beweist. Ein Glück sind die wahren Lügen und die verdrehte Wahrheit und die erzählte Wahrheit nicht, manches hätte ich gerne nie erfahren, nie gehört. Ein Jahr, das mir so deutlich gezeigt hat, dass sich wünschen, Mühe geben, tüchtig sein, noch mehr arbeiten, nachgeben, immer nach Kompromissen suchen, nicht der Weg ist, der wenigstens ein bisschen Ruhe, weniger Verletzung bringt. Das Gegenteil ist der Fall. Also Veränderung. Ein Fernglas und schauen, ob ich mich entdecken kann.

Der Spruch Alt werden ist nichts für Feiglinge, hört sich so tapfer an, und er ist auch zur Hälfte wahr, aber es geschieht ja nicht nur das eigene Älterwerden, sondern auch das der anderen, der Generation davor und danach. Es nehmen die Krankheiten zu und die Todesfälle, die Abschiede werden mehr und es ist manchmal nicht schön zu erleben, wie in dieser Gesellschaft mit Älteren und noch Älteren – und mit Kindern und mit all den Minderheiten wie Frauen und älteren Frauen um gegangen wird (und älteren Männern). Alt werden sei nichts für Feiglinge, bedeutet aber auch, viel Ballast abwerfen dürfen, noch einmal sich verändern, neue Ziele entdecken und Wege, viel weniger sich aufzwingen lassen, genauer werden, fühlen, da sind Freunde und Wohlwollen und dort ist nur Getue und Egoismus.

Ende 2010 war ich in Lettland, in Ventspils im International writers house, dort begann ich wieder Gedichte zu schreiben, inzwischen ist ein ganzer Band entstanden, der hoffentlich 2012 erscheint – eine lange Erzählung schrieb ich während dieses Stipendiums, die war ein Vorgriff auf das seltsame Jahr 2011. Es folgten noch viele Erzählungen, so dass auch da fast ein ganzes Buch fertig ist, manche wurden bereits veröffentlich, gewannen Preise oder verhalfen zu einem Stipendium, wie dem des Landes NRW und Brandenburg.

Mein Arbeitszimmer ist renoviert. Und aufgeräumt. Der literarische Nachlass ist als Vorlass im Archiv. 2011 war ein Jahr mit dem Thema Aufräumen, Ordnen, Verändern und der manchmal bangen Frage: Wer ist Freund und wohlwollend und wer läuft auf meinen Füßen, beschwert, wirft vor, belädt ohne mitzutragen.

Vor dem D-Day haben Mitglieder der Résistance, Dörfler, Bürger, Frauen wie Männer in mühseliger Kleinarbeit Karten gezeichnet: Feldwege, Pfade, Gärten, Häuser, Hütten, Scheunen, Bäume, Gefälle, Hügel, Zäune, Deckungen, Wälle, Fluchtwege, alles, was da war und stand entlang der Küste und kilometerweit hinein ins Land. Karten, die unter Todesgefahr nach England gelangen mussten. Mein erstes Hörspiel hieß Fluchtlinien, damals ein Erfolg. Jetzt will ich von der Geschichte dieser Karten erzählen.

2012 wird wieder ein Jahr mit Reisen nach Polen und in die Ukraine, nach Frankreich, und als erstes im Frühjahr an den Züricher See. Zu der Schriftstellerin Michèle Minelli. Schräg vorbei am Säntis, über Basel. Und weiter mit dem Blick auf die Farben der Schweiz mit seinen weißen und schwarzen Schafen und den Schoggibergen. Was wünsche ich mir? Lachen an Weihnachten und Silvester.

Was tue ich heute: Schreiben. An einer Erzählung. Und: Die vielen, vielen Einsendungen zum Wettbewerb Goldstaub der Autorinnenvereinigung e.V. sortieren, einige lesen.

Und: Mich immer noch fragen: Wie funktionieren Lügen? Braucht ja einen, der sie nicht wahrnimmt.

Also: Heute pfiffen draußen die chilenischen Regenpfeifer um ihre Liebe, zwei wunderschöne Enten. Heute wünsche ich allen eine frohe Zeit bis zum Neuen Jahr. Chanukka ist dieses Jahres kurz vor Weihnachten. Aufwiedersehen 2012.

Jay