J. Monika Walther
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Was mache ich heute?

November 2016

Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben’, dove andrò...

Wonach sehnten sich Eurydike und Orpheus? Zurück in das Reich der Götter? Auf eine andere Insel? Oder, dass um das alte Griechenland eine Mauer gezogen würde, damit sicher gestellt war, dass kein unbekannter Mensch anlandete und sich einmischte?

Die multireligiöse Gesellschaft war noch nicht erfunden. Die Sonne warf zwar messbare Schatten, die Erde als Kugel und in Bewegung war aber nur vermutet, nicht bis in die letzte Felsspalte entdeckt. Die Existenz der Götter war identisch mit der Entstehung der Welt. Euridice und Orpheus lebten zwar als sterbliche Menschen, aber sie waren mit der Welt der Götter in Verbindung. Sie gehörten zur Mythologie. Euridice war eine Nymphe. Beide verkehrten mit den Göttern noch persönlich. A cup of tea? Nein, ich nehme einen Ouz0. Gekühlt. Schön, wie die Eisschlieren schweben. Wohin fahren die Argonauten als Nächstes? Und wie geht es Euridice in der Hölle? Ich will gerne singen, um die Nymphe zu erlösen.

Weil die Götter in der griechischen Mythologie Personifikationen von Teilen der Welt oder grundlegenden Prinzipien sind, muss zwischen der Entstehung der Welt und der Entstehung der Götter nicht unterschieden werden. Sehr beruhigend, aber dennoch war so viel Durcheinander, dass sich ein kanonischer Stammbaum griechischer Götter nie herausbilden konnte. Es blieb alles eine gemeinsame Unordnung. So wurde das Chaos an den Anfang der eigenen Geschichte gestellt. Aus dem Chaos entsteht als erste Göttergeneration die Erde Gaia (zuerst in „Erdgestalt“, später in „Menschengestalt“), die Unterwelt Tartaros, die Liebe Eros, die Finsternis Erebos und die Nacht Nyx. Aus der Verbindung von Nyx und Erebos gehen der Tag Hemera und die Luft Aither hervor, Nyx bringt aus sich selbst eine Reihe von Gottheiten hervor, die entweder Personifikationen nächtlicher Phänomene oder menschlicher Übeln sind. Mithilfe dieser Götter wird die Abfolge der Herrschaft über die damals bekannte Welt erzählt, bis mit der Herrschaft der olympischen Götter, mit dem Obergott Zeus, eine Balance gefunden ist. Hesiod und Homer haben in Epen die Schaffung dieser Ordnung aus dem Chaos beschrieben. Was es damals noch nicht gab, war die lange Geschichte der Unmenschlichkeit, aber selbst die griechische Mythologie spiegelt schon Verbrechen und barbarische Fantasien, auch wenn sie den Göttern zugeschrieben werden. So verschlingt Zeus seine schwangere Frau, damit ihm aus dem Sohn keine Konkurrenz entstehen kann. Die grausigen Taten stehen in nichts nach.

Was es zu Zeiten von Orpheus und Euridice noch nicht gab, vielleicht weil die Götter und die Griechen sich noch alleine auf der Welt wähnten, waren Zuschreibungen wie: Die Juden sind keine Menschen. Die weiße Rasse ist auserwählt und allein fähig, die Welt zu regieren. Neger sind faul. Es gab noch keine Globalisierung; die Welt war so klein und überschaubar, wie die deutschen Sachsen das heute für sich wünschen. (Wäre es nicht zu unser aller Beruhigung am einfachsten eine Mauer um Sachsen zu bauen?) Die Griechen und die Götter waren unter sich. Die Zukunft war eine unbekannte Utopie. Später dann hieß es, die Spartaner sind keine Griechen. Weshalb die Athener im Krieg ein fundamentales Gesetz brachen: Sie kämpften nicht von Mann zu Mann (da waren sie immer unterlegen), sondern verbrannten Felder und Erntevorräte. Nicht mehr Mensch gegen Mensch, sondern erstes Nachdenken, wie kann ich einen Krieg gewinnen, und sei es, dass die Konventionen gebrochen werden müssen. Chlorgasfassbomben waren noch nicht erfunden. Heute werden sogar Krankenhäuser und Schulen bombardiert.

Damals war ein Ende der Zukunft nicht gewollt. In der Gegenwart und in der Vergangenheit lebte die Zukunft. Niemand wollte zurück. Sondern alle waren neugierig auf die runde Seite der Erde. Dass in jeder Veränderung ein Ändern der Gewohnheiten, des Arbeitens, des Lebens steckt, ist logisch. Heute bedeutet Gegenwart nicht die Neugier auf Zukunft, sondern die ewige Krise. Die der Banken, des Dax, die des Klimas, des Wassers, der Kriege, der Religionen. In den Fünfziger und Sechziger Jahren war vieles in Aufbruch. Es gab die Neugier auf alles, was möglich sein könnte: fliegende Autos, Marskolonien, Raumschiffe, Arbeit und ein Dach über den Kopf für alle, auch für die Millionen Flüchtlinge. Und es gab den Kampf um die Demokratie. Heute wird diese Zeit von einigen Rattenfängern zu einer Biedermeierzeit mit Zuckerguss verklärt. Damals war alles noch deutsch und gut.

Was bietet heute die Gegenwart an Zukunft? Gebogene Handys, Internet. „Geschwindigkeit ist kein Fortschritt; vor allem dann nicht, wenn es sich um eine derart rückwärtsgewandte Technologie handelt: Das Internet beschäftigt sich nicht mit der Zukunft, es ist ein Archiv. Das Internet verwandelt die Vergangenheit in Gegenwart, das Neue erstickt in einer Retroblase,“ schreibt Caspar Shaller.

Was wir brauchen sind Perspektiven, ist Zukunft. Kein Verwalten aller Unzulänglichkeiten der Systeme, gleich welcher Art. Kein Bekämpfen von Utopien. Kein Verteidigen des gescheiterten Status quo. Oder besteht unsere Zukunft wirklich darin, zwischen dem Status quo und der Rückkehr in eine reaktionäre Vergangenheit zu wählen? Haben wir in den westlichen Demokratien nicht mehr Möglichkeiten, als uns in Hass und Gewalt zu retten und uns nach einer Vergangenheit zu sehnen, die es nie so gab, wie jetzt erinnert wird. Notwenig ist die Suche, die anstrengende Suche nach einer Zukunft in einer offenen Gesellschaft. In einer Weltgemeinschaft, in Europa im ersten Schritt. Es muss ein Ende haben mit dem Verwalten der politischen Lügen und Belanglosigkeiten. Die Lasten der Globalisierung müssen solidarisch getragen werden und dürfen nicht als Rechnung den Schwächsten präsentiert werden. Der globalisierte Kapitalismus muss demokratisch, sozial und ökologisch gestaltet werden. Zukunft entsteht jetzt. Jeden Tag können wir wählen und uns entscheiden.

Was wünsche ich mir? Von ganzem Herzen ein Stipendium am Bodensee. Als Kind wurde ich sehr viel herumgezogen, aber der Bodensee bleibt eine Sehnsucht. Beim Hamburger Michel weiß ich, dass er zugebaut ist. Nach Leipzig möchte ich nicht zurück. Dann wäre da noch Boulogne-sur-Mer und der Lake district. Aber der Bodensee und die Schweiz, die Bilder sind immer da. Auch wenn ich im Königreich Westfalen, im Drosteland ein sehr gutes Zuhause gefunden habe. Vielleicht klappt es ja.

Was tue ich? Immer noch an dem Projekt „Am Weltenrand“ schreiben, Texte zu Fotografien von Henning Berkefeld. Plus Rezensionen. Und ein Roman ist begonnen. Erste Sätze: Eine unmögliche Reise. Und: Allen viel Besonnenheit und klare Gedanken.

Jay