J. Monika Walther
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August 2020

Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben’, dove andrò...

singt Orpheus.

Wie Euridice und Orpheus zu ihrer Liebe fanden, wissen wir nicht so genau. Als der Held Orpheus von seiner Suche nach dem Goldenen Vlies, von seiner Weltreise mit den Argonauten zurückkehrte, nachdem er den Versuchungen aller Sirenen widerstanden hatte (wie wahrscheinlich ist das?), begegnete ihm die Nymphe Eurydice. Er ihr oder sie ihm. Sie liefen sich über den Weg. Oder wurden sie einander vorgestellt? Und wenn vom wem? Gab es ein Essen? Oder begegneten sie sich wie Eva und Adam im Wald? Eurydice träumte. Orpheus ging singend umher. Wer verführte wen? Wer lächelte zuerst?

Vielleicht war Orpheus ein selbstverliebter Macho. Vielleicht hatte er auf seiner Reise so viele Frauen gehabt, dass er dachte: erst einmal reichen mir die Aufregungen. Vielleicht war Eurydice eine niedere Gottheit, ein Baumgeist, vielleicht hatte sie ein wildes Gesicht und war die Richtende. Vielleicht war sie einfach nur eine schöne junge Frau aus Thrakien. Welche Pflichten hat man als Nymphe? Einige Nymphen waren Priesterinnen. Anmutig zu sein, wie als Beschreibung zu lesen ist, ist ja nur teilweise eine Arbeitsanweisung. Anmut ist ein Begriff der philosophischen Ästhetik. Eine Form des Schönen. Und zu jeder Zeit gilt etwas anderes als schön. Vielleicht arbeitete sie als Performancekünstlerin. Straßentanz oder Baumkunst.

Der Legende nach trafen sich also die Nymphe und der Sänger und verliebten sich ineinander. Sie sollen das schönste und auch glücklichste Paar der damaligen Welt gewesen sein. Zwei Begriffe, an denen sich die Menschen seit ihrer Existenz abarbeiten: was ist Schönheit? Wie definiert sich Glück?

In meiner Familie wurden gerne schöne Frauen und Männer geheiratet. Das war ein Kriterium. Als nächstes kam dann die Betrachtung der Kreise und des Benehmens. Wenn die Kreise nicht so ganz passten, war da wenigstens ein kleines Unternehmen, ein Acker und fügte sich in der großen Familie mit allem anderen, was da war, passend zusammen. Auch nach dem Krieg blieb das so. Und ich gestehe, irgendwas muss ich an einem anderen Menschen schön und charmant finden (bei mir biste schön). Benehmen als Haltung käme dann. Großzügigkeit. Soziale Klugheit. Ein Acker ist nie schlecht. Ob sich daraus dann ein Glück ergibt, ist die große Frage. Denn was ist Glück? Mehr als Zufall, eine Strähne, ein Gewinn im Roulette, Sex, ein feines Essen, ein alter Whisky. Alles zusammen? Immer mehr? Oder reicht für die Glückssekunden viel weniger? Ein Blick übers Meer. Das Wohlwollen anderer. Eine meckernde Ziege, über die Salzwiesen ziehende Schafe. Die Aufmerksamkeit von Freunden. Gebratene Pulpitis. Zärtlichkeit in den Augen.

Das „Streben nach Glück“ hat als originäres individuelles Freiheitsrecht Eingang in die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, das Gründungsdokument der ersten neuzeitlichen Demokratie, gefunden. Dort wird es nach Thomas Jefferson als Pursuit of Happiness bezeichnet. Kontrolle über das eigene Leben ist ein wichtiger Bestandteil. Gleichberechtigung aller Menschen, kein Rassismus, Bürgersinn, sozialer Ausgleich gehören zu den Faktoren, die in einer Gesellschaft zur Zufriedenheit der Menschen beitragen. Aber Zufriedenheit ist nicht Glück.

Schönheit, Glück. Nicht nur subjektive Faktoren. Noch schwieriger wird es beim Verlieben und der Liebe. Das Begehren, der erhöhte Herzschlag lässt sich nicht herausrechnen. Auch die Wertschätzung nicht, die Zuneigung. Die gegenseitige Anerkennung. Vertrautheit. Wissen um den anderen. Und doch gibt es Beziehungen, die bestehen aus der Verwaltung von Mangel, schlechtem Essen, keiner Erotik, wenig Achtung, aber die Menschen halten es miteinander aus. Vielleicht weil es viele Äcker gibt, vielleicht weil niemand von den Beteiligten weiß oder erfahren hat, dass es auch anders geht. Oder weil es so am einfachsten ist, weil man selten herumspaziert und es läuft einem Euridice über den Weg, lächelnd, Blumen pflückend. Anmutig. Ein Blick, noch einer. Eine Verliebung, ein Begehren. Die erste Sekunde. Der zweite Blick. Psst. Nichts sagen, denn dann ist es vielleicht schon vorbei. Was wäre, wenn Orpheus fragte: Wissen Sie denn, welche Blumen Sie pflücken? Warten Sie doch, bis die Bienen den Necktar gehoben haben. Was haben Sie als nächstes vor? Wie ist Ihr Name? Vorbei vorbei. Der Wörter sind zu viele. Euridice antwortet freundlich – und geht. Kein Begehren mehr.

Bleibt die Frage: Ist sie nicht in der Lage, einen Diskurs zu führen? Kann sie es oder will sie nicht. Oder hält sie die Verdopplung des gerade Erlebten durch das Benennen desselben für überflüssig. Ist es für sie, als nagle Orpheus den Schmetterling an einen Baum?

Für Ingeborg Bachmann stellt der Liebesverrat und der Liebesmord die schlimmste Krankheit der Zeit dar. Ihre Liebe passte nie zwischen die aufgemalten Kreidestrichen, die als Grenzen zu beachten waren. Sei nicht zu laut, nicht zu leise, lande nicht in der Hölle, nicht im Himmel. Gib dich nicht ganz hin und nicht im Ganzen. Richte dich ein. Gib dich zufrieden. Stirb langsam. Wer das nicht will, hat ein anderes Problem.

Der Roman „Malina“ von Ingeborg Bachmann ist auch ein Buch über die Sehnsucht nach der über alles gehende, alles aufhebende Liebe, die einzige Möglichkeit, das verletzte Ich in seiner Vollständigkeit wiederherzustellen. Was nur misslingen kann.

Paare wie Elisabeth Taylor und Richard Burton haben sich trinkend durch alle Himmel und Höllen gestritten und geliebt. Die Callas und Onassis – ein Liebesmord schlimmster Art. Lauren Bacall und Humphrey Bogart. Ein Klassiker. So viele Versuche gibt es, eine Verliebung zu leben, für die erste Sekunde des Begehrens eine Form zu finden. Auch Euridice und Orpheus haben sie nicht gefunden. Weil der Schmetterling, an den Baum genagelt und benannt, stirbt. Orpheus war vermutlich ein Schwätzer.

Margaret Atwood zeigt eine Eurydike, die Orpheus vorwirft, nur sein Idealbild von ihr wahrgenommen zu haben: „Du konntest niemals glauben,/ dass ich mehr war als dein Echo.“ Auch eine Art den anderen umzubringen.

Ingeborg Bachmanns Eurydike-Gedicht spricht ebenfalls mit Eurydikes Worten.

„Aber wie Orpheus weiß ich
auf der Seite des Todes das Leben,
und mir blaut
dein für immer geschlossenes Aug.“

Ingeborg Bachmann schreibt auch: „Bei allem was wir tun, denken und fühlen, möchten wir manchmal bis zum Äußersten gehen. Der Wunsch wird in uns wach, Grenzen zu überschreiten, die uns gesetzt sind. Nicht, um mich zu widerrufen, sondern um es deutlicher zu sagen, zu ergänzen, muß ich sagen, es ist auch mir gewiss, dass wir in der Ordnung bleiben müssen, dass es den Austritt aus der Gesellschaft nicht gibt, und wir uns aneinander prüfen müssen. Innerhalb der Grenzen aber haben wir den Blick gerichtet auf das Vollkommene, Unmögliche, Unerreichbare, sei es in der Liebe, der Freiheit oder jeder reinen Größe. Im Widerspiegel des Unmöglichen mit dem Möglichen erweitern wir unsere Möglichkeiten.“

So ist es mit dem Verlieben und der Liebe. Wir wachsen, – und begeben uns in Lebensgefahr.

Was wünsche ich mir?

Mit vierzehn Jahren begann ich schlechte dramatische Gedichte zu schreiben, mit achtzehn Jahren (1963) gab es beim Südwestrundfunk und bei Rowohlt die erste Veröffentlichung. Fünfundfünfzig Jahre schreibe ich, bin Schriftstellerin, war auch über fünfundzwanzig Jahre zusammen mit Annette Viktoria Uhlending Verlegerin (Verlag frauenpolitik, tende Verlag), gründete mit Elisabeth Roters-Ullrich und Maike Stein die Autorinnenvereinigung e.V. Fünfundsiebzig Jahre Leben. So viel. Also wünsche ich mir, wie schon so oft, Gelassenheit. Aber so ist das Leben nicht. Also wünsche ich mir ein Lächeln, meins und das der anderen.

Was tue ich?

Schreiben. Mich freuen, was alles war und noch sein kann. Unbedingt Sardinen und Tintenfisch grillen an meinem Geburtstag.

Und: Ich freue mich, dass der Kriminalroman „Der Mann ohne Hände“ von Monika Detering und mir im Herbst im Geest Verlag erscheint.

Jay