J. Monika Walther
Che Faro

Che Faro 2017

Weitere Jahrgänge anzeigen

Che Faro 2016

Che Faro 2015

Che Faro 2014

Che Faro 2013

Che Faro 2012

Che Faro 2011

Che Faro 2010

Che Faro 2009

Che Faro 2008

Che Faro 2007

Che Faro 2006

Che Faro 2005

Che Faro 2004

Che Faro 2003

Che Faro 2002

Che Faro

Was mache ich heute?

Dezember 2012

Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben', dove andrò...

Nun endlich ist es auch in der hohen Literatur und den Inszenierungen angekommen, dass Euridice vielleicht nicht diese liebe griechische Hausfrau ist, die Herr Orpheus liebend erretten will, sondern dass Orpheus von dem Wunsch nach Ansehen und Glanz umgetrieben wird und Euridice im Hades ein anderes Leben kennenlernte, dass ihr gefiel. Beide verloren in Folge ihrer Umtriebe, alles was Menschen verlieren können: auch das Leben und wurden kein glückliches Paar, sondern ein Mythos, der immer wieder neu interpretiert und inszeniert wird.

Wie ist es mit den normalen kleinen Leuten? Die schlafen schlecht des Nachts, wegen des Lärms ihrer Goldfische. Dieser kleine Knall des sich öffnenden Maules. Und oft kennen sie ihre eigenen Geheimnisse nicht. Vielleicht haben sie auch keine. Ja, in unserem Leben, auf dieser Welt geschehen viele Sachen zwischen Menschen, die nicht zu verstehen sind. Rätselhafte Dinge. Und wie oft glauben Liebende, ihnen könnte nicht mehr passieren, nach einem Kuss, nach dem Halten der Hand, nach dem Spüren von der Wärme des anderen. Als gäbe es diese metaphysische Wahrheit. Und selbst wenn der andere nicht zu Tode stürzt, nicht verschwindet, selbst wenn keine Gleichgültigkeit wie Nebel sich auf die Kleider legt und das Atmen schwer macht, selbst wenn – immer wieder muss das Tal der Herrlichkeiten erreicht werden (Dazu ein großartiger Roman von Anne Weber, in dem ein Herr Sperber sich wie Orpheus gegen das Jenseits auflehnt: Amor vincit omnia, seinetwegen, nicht wegen der zu Tode gestürzten, geliebten Frau).

2012 – ein eigenartiges Jahr, anders als gewünscht und geplant, viel Glück mit dem Stipendium in Friedrichskoog, weil dort einen Menschen und einen Papageien kennengelernt (Jokel und Henning Berkefeld) und wieder viel über deutsche Geschichte und das Tun von Menschen (Adolf-Hitler-Koog) begriffen, viel Glück mit zwei Büchern (Sperlingssommer und Windblüten Maschendraht), Lesungen, Begegnungen, aber es geschah auch so vieles, was müde machte: Krankheit in der Familie, Bestürzung über das achtlose Verhalten von Ärzten (und das ist sehr zurückhaltend ausgedrückt), über die Entwicklung des Kapitalismus, was er anrichtet und sei in dem kleinen Westfalen, wie die Dummheit und buchstäbliche Schlechtigkeit einzelner Wirtschaftswichtigtuer tausende Menschen in Fassungslosigkeit bringen (zum Glück auch in Streik und Widerstand). Und dann habe ich auch über meine eigene Dummheit gestaunt, ein Jahr dachte ich, ich hätte alles gut getan, damit es einen neuen Vorstand für die Autorinnenvereinigung e.V. gibt, dass der Übergang gut geht, haben andere und ich sich noch mehr engagiert, aber offensichtlich war genau das quer gedacht, denn kaum war der neue Vorstand gewählt, war er auch schon wieder nach zwei Monaten weg, schrieb und sprach von Booten im Nebel, Katharsis, nichts würde bleiben wie zuvor und eines war wahr: es gab keinen Vorstand mehr, es gab eine besonnene Schatzmeisterin, die nicht zusehen wollte, dass jahrelange Arbeit so vergebens war. Ja, es gibt viel über die Menschen zu lernen. Einiges ist nachzulesen unter schreibhaus.blogspot.com und www.koogschreiber.de. Einiges trage ich noch mit mir herum, weiß auch noch lange nicht, was ich von Manchem halten soll. Aber es eilt nicht.

Es war ein duftender und farbiger Herbst, wunderschöne Tage in den Niederlanden. Schön in der Familie den Garten für den Winter fertig zu machen, schön die Augenblicke an Ruhe, der neue Beginn von Schreiben und Projekten und das Beiseitegehen zu genießen, das langsame Begreifen, ich muss doch gar nichts, und allemal nicht Herumrennen, um allen zu genügen. Es recht machen, möglichst allen. Selbst denen, die ich nicht mag.

Was wünsche ich mir? Noch einige ruhige Vormittage, schreibend, schauend. Und die schönen Abende. Nicht allein. Wenn jemand sagt: Schön, dich zu sehen.

Was tue ich? Langsam schreiben, genauer denken. Ein bisschen ängstlich sein.

Und: Allen eine frohe Advents/Weihnachtszeit und ein seliges Chanuka. Alles beginnt mit der Sehnsucht, schrieb Nelly Sachs. Also dann – bis nächstes Jahr in -

Jay