J. Monika Walther
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August 2015

Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben', dove andrò...

Um ein Mythos zu werden, ist harte Arbeit

Ein Mythos zu werden ist harte Arbeit, denn Mythen stehen im Gegensatz zur Wahrheit. Im Gegensatz zu Recherchen und Fakten. Mythen müssen sich wie Ideologien gegen Klarheit und die Untersuchung von Wirklichkeit durchsetzen. Bei Mythen ist die Symbolik, die fabulöse Legende wichtig. Orpheus hatte viel zu tun, um diese Projektionsfläche zu schaffen; Euridice hat es sich nach Frauenart einfacher gemacht. Sie war ein Opfer, sie wurde ein Opfer und vielleicht hatte sie es lustig mit dem König der Hölle. Orpheus musste sich umdrehen, damit sie Opfer blieb und er frei kam, um zu singen, und sie musste jammern, damit sie diesen Sänger los wurde, aber immerhin verband sie nun beide eine Legende. Sie wurden berühmt.

Irrtümer, Interessen, Neugierde, Intoleranzen und Ausbildung bestimmen unser Denken, unsere Haltung. Propaganda und Ideologien nutzen all unser Nichtwissen und Schwächen aus. Und sie benutzen jedes Mittel der Vereinfachung und unsere Vorurteile, um ihre Botschaften glaubhaft zu machen. Sie benutzen Menschen, um Ideologien mit Geschichten auszustatten und in die Geschichte zu integrieren. Um das Leben zu bewältigen und sich die Welt zu erklären, bedarf es Verstand, Erfahrung – und den Mythos. Er füllt die Orientierungslücken auf. Aber genau so wie Wissen, verlangt er unentwegt Anstrengung, weil Realität und mögliche Wahrheiten sich immer an Mythen reiben. Propaganda benötigt aber nicht nur die Menschen, als Geschichtenerzähler und Transporteure, sondern auch Kollektive wie Vereine, Parteien, Institutionen, Glaubensgemeinschaften, Staaten. Propaganda benötigt Organisation auf allen Ebenen. Im Kalten Krieg gab es zahlreiche halbinstitutionelle und staatliche Organisationen, die für West und Ost nicht nur Reklame machten, sondern sich am Widerspruch zwischen Realität und Mythen abarbeiteten. Sie nutzten auch die neuen Massenkommunikationsmittel wie Radio und Fernsehen, inzwischen ist das Internet und die Digitalisierung hinzugekommen. Die neue Techniken ermöglichen neue Lügen, Desinformation, Zensur und Propaganda. Wahr ist auch, dass kein Medium dauerhaft gegen die Interessen und das Weltbild der Eigentümer agieren kann. Die Auswahl der Redaktionen sorgt schon für einen Grundkonsens.

Medienpluralismus muss also immer wieder erkämpft werden, nur die technischen Möglichkeiten garantieren ihn nicht. Die Mächtigen und die Besitzer, die Reichen entscheiden über die Propaganda, die Bürger, die User über die Freiheit, die Vielfalt der Meinungen, über die Wahrheitsfindung und Informationsmöglichkeiten. Oder aber wie im Fall IS über ein Dauerfeuer an Propaganda und Lügen. Allein bei Twitter gibt es 40 000 Accounts mit entsprechender Ausrichtung der Selbstdarstellung.

Das Internet, das Netz hebt auch keinesfalls die Unterschiede zwischen Arm und Reich auf, im Gegenteil. Nach wie vor bezahlen die Armen mit ihrem Leben, mit ihrer Zeit, mit ihren Daten. Sie geben ihre Daten her, die werden nicht nur zur Tauschwährung im realen Sinn (mit diesen Daten wird Geld, Kapital, verdient, damit wird gewirtschaftet und spekuliert), sondern diese Daten verwandeln sich auch in ein Herrschaftsinstrument. Bargeld ist anonym, unsere Daten, kristallisiert zu Kilobytes, sind Abbild unsers Lebens. Google und Facebook können nur funktionieren, wenn es dem Unternehmen gelingt unsere Existenz in seine Verfügungsgewalt zu bringen. Dann eröffnet sich eine neue ökonomische Dimension der Kapitalanhäufung, aber nicht bei den Lieferanten der Daten. Jeder Anbieter digitaler Dienstleistungen – gleich in welchem Bereich – weiß, dass er seine Apps besser innerhalb als außerhalb von Facebook arbeiten lässt. Es sind immer die „Armen“, die die Kosten decken müssen mit ihrem sozialen Leben und ihren Daten.

Im Januar 1816 schrieb Annette von Droste-Hülshoff das lange Gedicht „Unruhe“. Da steht am Schluss:

„Fesseln will man uns am eignen Heerde!
Unsre Sehnsucht nennt man Wagn und Traum
Und das Herz, dies kleine Klümpchen Erde
Hat doch für die ganze Schöpfung Raum!“

Was wünsche ich mir? Am Weltenrand leben, am Himmelsrand laufen.

Was tue ich? Mich freuen, dass „Abrisse im Viertel – Gedichte 201 – 2015“ erschienen, dass so viel möglich ist im Schreiben. Ein ganzes Leben lang. Ja, viel Arbeit, viel Tüchtigkeit, aber auch Glück.

Und: Ich werde siebzig Jahre. 1945 geboren, mitten in die Trümmer und letzten Bomben, mitten in so viel Leid und Fluchten. Ja, das hat mein Leben auch geprägt.

Jay