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Was mache ich heute?
Oktober 2026
Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben’, dove andrò...
singt Orpheus.
Er singt nicht von den existenziellen Problemen, die es zu jener Zeit im antiken Griechenland gab: Das bebaubare Ackerland war extrem knapp. Durch die Aufteilung des Besitzes unter den Söhnen verarmten viele Familien, was zu einer massiven Auswanderungswelle führte, was eine griechische Kolonisation an den Küsten des Mittelmeers bis Spanien zur Folge hatte und zu Siedlungen in Südrussland führte.
Die griechische Welt war in hunderte unabhängige Stadtstaaten (Poleis) zersplittert, die in ständigen Konflikten zueinander lagen. Die verheerenden Kriege zwischen Athen und Sparta sind ein Beispiel. Es gab auch ganz existenzielle Bedrohungen wie Hungersnöte durch Missernten; verheerende Seuchen und die ständige Gefahr der Versklavung bei militärischen Niederlagen prägten den Alltag. Und wie immer und überall Machtkämpfe der Eliten: Der Übergang von der Herrschaft von Adelsfamilien zu frühen Demokratien oder Tyranneien wurde von blutigen Bürgerkriegen begleitet. Orpheus singt von der menschlichen Traumwelt: Was wäre, wenn wir Menschen … Konjunktive.
Die Geschichte der Menschen ist von Anfang an neben dem Wunder der Schöpfung, des Lebens, der Liebe und des Mitgefühls, der Nächstenliebe immer bestimmt von Kämpfen um Macht, Besitz und das nackte Überleben.
Wie finden wir heraus, was wir wollen? Durch Handeln? Wie finden wir heraus, zu begreifen, was für Folgen unser Handeln und Wollen hat? Finden wir durch handeln wenigstens heraus, was wir nicht wollen? Müssen wir es im Leben zu etwas bringen? Was ist dieses immer beschworene „Etwas“? Müssen wir im Machtgefüge wer sein, müssen wir immer versuchen sichtbar nach oben zu klettern? Oder genügt auch das Urteil und der beruhigende Zustand: Sie brachte es zu nichts, weil sie wer war? Und was bedeutet dieses: Wer sein, wenn damit ist kein Titel, kein Geld, nicht eine Herkunft und Herrschaft gemeint ist? Nicht die Wirklichkeit, sondern die Möglichkeiten sind der Reichtum. Die Träume, die Schritte entlang der möglichen Lebenslinie, nicht die feste Burg mit den dicksten Mauern.
"Ich wünsche mir die Fähigkeit, auf meinem Platz zu leben, keinem besonderen und an keinem besonderen historischen Ort, schon an gar keinem, der erst erkämpft, weggenommen werden müsste. Ich möchte lernen in Skizzen zu leben und für jeden geglückten Tag an meinem Ort mit meinem Glück oder Unglück, mit meinem Mut oder meiner Feigheit einzustehen.
Die mögliche Sprache der Verständigung muss nicht die Sprache sein, die ich beherrsche. Die Mühe möchte ich verwenden auf die Übersetzungen, auf die Entstehung von Langsamkeit in der Annäherung und in der Zeit, weil ich dann hoffen kann, Zeit für Zukunft zu haben."
Das habe ich vor vielen Jahren geschrieben und gar nicht gewusst, was ich da denke und aufschreibe und mir wünsche. Jetzt kann ich Nähe fühlen und auf einem Stuhl Platz nehmen. Schauen und zuhören, erzählen und schreiben. Ohne nach all den anderen Plätzen zu schauen: Sind die besser, schöner? Könnte ich dort öfter gehört und gesehen werden? Sollte ich lieber auf den Tisch springen und laut sein, viel Lärm machen: Schaut her. Ich bin es. Ich. Glänze ich nicht mehr als alle anderen?
Wenn Handeln dazu führt, dass wir wissen, was wir nicht wollen, wenigstens das – dann müssten die meisten Deutschen der Legende nach ja blind sein, nicht nur weil sie "damals", also nach 1933 nichts gesehen und gehört haben, das ist eine bemerkenswerte Geschichte, wie so viele blinde Hasen in voller Montur blindlings, nichts sehend und hörend, quer durch die Welt gerannt sind, nein, diese Legende meine ich nicht, sondern die: dass in Deutschland die kleinen Leute immer an allem schuldig und völlig unschuldig sind, also zum Beispiel die Bauern, die Zwangsarbeiter anforderten und von dieser Ausbeutung profitierten. Oder all die noch kleineren Leute, die so preiswert an Haushaltsgeräte kamen oder Kleidung oder Möbel. Aus jüdischem Besitz. Es sind nicht nur die großen Industriellen und Politiker, die Beute machten, nein, bei diesem kollektiven Raub von 1933 bis 1945 wurde die Beute so breit denn möglich verteilt - an die kleinen Leute. Das ist nachgewiesen und es zeigt ein antidemokratisches Verständnis, wenn bis heute die vielen kleinen Leute so weit entmündigt werden, dass sie nicht einmal als schuldfähig angesehen und behandelt werden, denn Schuld wird in der öffentlichen Diskussion wie zuletzt um die Gemäldesammlung von Christian Friedrich Flick nur bei den großen Industriellen gesucht oder ihnen zugewiesen, es ist aber nicht nur die Industrie haftbar für etwas zu machen, wovon das deutsche Volk in seiner eingebildeten arischen Gesamtheit profitiert hat. Die Konzerne, die mächtigen Industriellen müssen sich um diese Beweisführungen ihrer Schuld, ihrer Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht kümmern. Sie stehen ganz oben in der Hierarchie. Sie bringen es immer zu neuer Macht und Gewinnen, sie werden immer gesehen und „geachtet“, aber diese vielen „kleinen Leute“, die „hart arbeitende Mitte“, die Leute, die den Laden am Laufen angeblich halten, denen können die da oben die Schuld zuschieben, ihnen wegnehmen, was sie wollen, ihnen keine Achtung erweisen und beredt beweisen, dass die kleinen Leute sich jetzt mal zusammenreißen müssen, Schluss mit lustig. Wohlstand für alle beginnt immer bei denen oben und die können nie genug bekommen. Am besten läuft es in Zeiten der Umbrüche, wenn alle da unten sich unter einander bekriegen, dann können selbst die großen Kriege ohne Störungen ausgefochten werden.
Was ich heute tue? Mich wundern, mit welcher Begeisterung so viele Menschen unbedingt vom Faschismus, Rechtsextremismus, kruden Verschwörungsideen in die Zukunft getragen werden wollen. Was nicht funktionieren kann. Niemand kann in eine Zeit zurück, die es so nie gegeben hat. Niemand kommt in einer Zukunft ohne Kriege, Bomben, Dürre, Hetze, Gewalt an, wenn niemand sich hinsetzt und überlegt, wie kann es in aller Klugheit und mit allem Wissen und Fühlen gehen – für alle. Ingeborg Bachmann schrieb: „Was aber möglich ist, in der Tat, ist Veränderung.“ Veränderung ist auch ein Akt des Widerstandes. Widerstand und Verantwortung muss inzwischen Pflicht aller Bürgerinnen sein, die nicht den Rechten, dem Faschismus immer mehr Platz machen wollen. Am 6. Oktober 2026 wurde in Sachsen-Anhalt ein Landtagspräsident der rechtsextremen AFD mit den Stimmen der Christdemokraten gewählt. Nie wieder ist als Beschwörungsformel endgültig vorbei. Der Kanzler heißt Merz, ein Christdemokrat. Es ist unsere Verantwortung.
Was wünsche ich mir? Dass uns der Kampf gegen den anrollenden Faschismus gelingt, dass wir nicht müde werden. Wir sind vielleicht nicht mehr, aber die eine Hälfte und könnten alles erreichen. Ein Schritt ist, die Achtung vor dem Nächsten und vor sich selbst.
Was tue ich? Wie immer: Schreiben, schauen, hören, schreiben. Über Pläne lächeln. Weiß ich, wieviel Zeit da noch ist.
Und: Ich freue mich, dass Zusammenarbeiten weiter gehen, Ich freue mich an den guten Erinnerungen, an den gelingenden Tagen und den Plänen für Morgen und Übermorgen.
16 Gedichte von mir und die Musik von Frank Happel erzählen davon:
Jay