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Juli 2026
Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben’, dove andrò...
singt Orpheus.
„Euridice ist eine thrakische Dryade, die im Zusammenhang mit Orpheus bekannt wurde. Sie heiratete Orpheus, nachdem er vom Argonautenzug zurückgekehrt war.“
Und was ist der bis heute beschworene Mythos: „Der Mythos von Eurydike handelt von der unsterblichen Liebe und dem tragischen Verlust zwischen dem göttlichen Sänger Orpheus und der Nymphe Eurydike. Er ist eine der berühmtesten Liebesgeschichten der griechischen Antike und steht symbolisch für die Macht der Musik, des Schicksals und die menschliche Ungeduld.“
Aber wer und was ist Frau Euridice ohne den patriarchalischen Blick, ohne den Blick der schreibenden und malenden Männer auf diese Frau, ohne den selbstherrlichen Orpheus, ohne die damals in Griechenland herrschenden Männer und Götter, ohne die unendlich vielen Geschichten, in denen Euridice eine Ehefrau ist, sexuell belästigt wird, auf der Flucht vor der sexuellen Gewalt auf eine Schlange tritt, stirbt und vom Helden aus dem Hades befreit wird. Orpheus singt und singt. Er gelangt wieder an die Oberfläche, der Hölle entkommen und dreht sich um, aber genau das war die Bedingung, sich nicht nach Euridice umzudrehen. Sie verschwindet wieder im Hades. Es gibt andere Lesarten jenseits der unsterblichen Liebe:
H.D. (Hilda Doolittle): In ihrem berühmten Gedicht Eurydice aus dem Jahr 1917 bricht die Figur radikal mit ihrer Opferrolle. Sie wirft Orpheus seine Selbstherrlichkeit vor und beansprucht ihren eigenen, selbstbestimmten Frieden in der Unterwelt.
Elfriede Jelinek dekonstruiert in ihrem Stück Schatten (Eurydike sagt) den Mythos völlig. Bei ihr ist Orpheus ein eitler Künstler, und Euridice hat gar kein Interesse daran, in die oberflächliche, von Männern dominierte Welt der Lebenden zurückgeholt zu werden. Sie findet ihre Freiheit im Tod und lehnt die männliche "Rettung" ab.
Margaret Atwood (Orpheus): Auch diese Schriftstellerin hinterfragt die männliche Projektion und gibt Euridice ihre Stimme und Würde zurück. In dem Musical Hadestown wird Euridice als pragmatische, unabhängige Frau gezeichnet, die nicht aus Schwäche, sondern aus existenzieller Not in die Unterwelt geht.
Eurydice ist in Hadestown eine abgehärtete, unabhängige Überlebenskünstlerin. Im Gegensatz zum Originalmythos wird sie nicht durch einen Schlangenbiss getötet, sondern schließt sich freiwillig Hades an. Verzweifelt auf der Suche nach Wärme und Nahrung in einer von Kälte und Armut geprägten Welt, sucht sie Zuflucht in der industrialisierten Unterwelt. Ihre Entscheidung wird später von der Versuchung überschattet, dass ihr dort Wohlstand und Sicherheit im Austausch für ihre Freiheit garantiert werden.
Nicht nur in Deutschland dreschen die Regierung und die Männer einiger Parteien auf Frauen ein: Zurück an den Herd, Kinder gebären, mehr arbeiten, sich unterordnen, sexuell zur Verfügung stehen. Die Liste ist lang mit all den To Does, die Frauen leisten sollen. In einigen Religionen sind die Frauen noch weniger wert als ihre eigenen Schatten, denen sie verhüllt begegnen. In Diktaturen führen die Männer die Horden an. Männer besitzen Geld, Macht, Einfluss. Ingeborg Bachmann schrieb 1973: „Der Faschismus ist das erste in der Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau.“ Eine harte Diagnose. Heute gibt es den Begriff „coercive control“.
Ja, jeden Tag werden Frauen nicht nur gedemütigt, missbraucht, sondern getötet. Offensichtlich müssen Frauen in die Hölle flüchten, um nicht missbraucht und unterdrückt zu werden. Frauen müssen aber auch für ihre Selbständigkeit, für gleichen Lohn, Bestimmung über ihr Fühlen und Wollen, ihre Art ein Leben zu führen einstehen. Das heißt, das Ziel ist nicht das Brautkleid, die Kinder, die Teilzeit, die Scheidung, die geringe Rente, die schlechtbezahlten Arbeiten, das Ziel ist Verantwortung für sich selbst.
Ingeborg Bachmann schrieb auch den Satz: „Was aber möglich ist, in der Tat, ist Veränderung.“ Veränderung ist auch ein Akt des Widerstandes. Widerstand und Verantwortung muss inzwischen Pflicht aller Bürgerinnen sein, die nicht den Rechten, dem Faschismus immer mehr Platz machen wollen. Was wünsche ich mir? Dass wir lauter und deutlicher werden in unserem Widerstand gegen den anrollenden Faschismus, gegen die hässliche Macht der reichen Männer, Oligarchen, Diktatoren – und der unsäglich dummen Menschen, die in ihrer Angst, Not nicht mehr hinschauen, was geschieht, was gerade ihnen angetan wird. Sie begreifen nicht, dass wir tatsächlich einen ‚Klassenkampf‘ haben. Löhne müssen nicht mehr zum Leben reichen, sagte einer der reichen Männer. Logisch, Millionäre brauchen keine Löhne.
Was tue ich? Wie immer: Schreiben, schauen, hören, schreiben. Auch erinnern, die eigene Geschichte in die große Geschichte einordnen; die kleinen Geschichten aus dem eigenen Leben in Erzählungen verwandeln. Weil ich das kann.
Und: Ich freue mich, dass so einige Zusammenarbeiten weiter gehen, dass ich veröffentlichen kann, dass andere lesen oder auch im Lesen mich lesen. Dass ich immer noch beim Schreiben dazulerne. Ich freue mich an den guten Erinnerungen, an den gelingenden Tagen und den Plänen für Morgen und Übermorgen. Ich werde davon erzählen.
Jay