Che Faro 2026
Che Faro 2025
Che Faro 2024
Che Faro 2023
Che Faro 2022
Che Faro 2021
Che Faro 2020
Che Faro 2019
Che Faro 2018
Che Faro 2017
Che Faro 2016
Che Faro 2015
Che Faro 2014
Che Faro 2013
Che Faro 2012
Che Faro 2011
Che Faro 2010
Che Faro 2009
Che Faro 2008
Che Faro 2007
Che Faro 2006
Che Faro 2005
Che Faro 2004
Che Faro 2003
Che Faro 2002
Che Faro
Was mache ich heute?
Februar 2026
Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben’, dove andrò...
singt Orpheus.
Er singt über sein Inneres, oder er singt darüber, was er denkt, was er fühlt und laut allen sagen will. Oder singt er eine Lüge? Will er nur sich oder auch Euridice täuschen? Singt er irgendwas, weil er zeigen will, wie wunderschön er singen kann? Schon wird es kompliziert. Wir wissen nicht, was wir hören. Nein, wir hören, was wir hören wollen. So wird es noch komplizierter. Wir haben eine Erziehung verpasst bekommen. Wir haben gelernt, wir haben Fähigkeiten erworben, wir haben eigene innere Bilder. Wir vereinen Nachteile und Vorurteile in uns. Selten hören wir, was gesungen oder gesagt wird. Schon bei der Erwartung etwas zu hören, sind wir weit weg von der Bereitschaft einer Wahrheit auf die Spur zu kommen, eventuell nachzufragen, zu überlegen. Nein, dieser Orpheus trug ein Kleid, er hat schlecht gesungen. Der schlechteste Orpheus. Diese Euridice hatte einen Bart und küsste den König der Hölle. Sie liebte Orpheus niemals. Wir haben immer Bilder und die Geschichte der eigenen Familie und Kultur im Kopf, in den Sinnen. Wir sind immer auch Rassisten. Die Frage ist: Ob wir über uns Bescheid wissen? Uns selbst einordnen können? Ob wir Abstand von uns nehmen, über uns nachdenken können?
Auch was wir sehen, wird von unserem Wissen, unserer Geschichte bestimmt. Joseph Nicéphore Niépce schuf das erste dauerhaft erhaltene Foto der Welt. Die Aufnahmezeit betrug mehrere Stunden. Titel: Blick aus dem Arbeitszimmer in Le Gras, 1826. Joseph Niépce hatte 1822 einen gedeckten Tisch fotografiert, die allererste gelungene Fotografie. Was sehen wir?
Ein Gemälde? Wir sehen, auch wenn wir uns dagegen wehren, die Vergangenheit als Gegenwart. Nicht als Mythos, als erzählte, gedeutete Geschichte, auch nicht als eine Kopie der Wirklichkeit. Nein, die Fotografie ist ein Zeugnis, bestätigt eine Wirklichkeit, eine Zeit. Sie gibt nicht eins zu eins in allen Fällen die Realität wieder, aber sie bezeugt Zeit und Welt. Und dieses Vermögen Realität zu bestätigen, ist die größte Fähigkeit der Fotografie.
Aber um die Fähigkeit zu erkennen, ist wieder zu fragen, was sehen wir? Diesen Ausschnitt der Wirklichkeit, diesen gedeckten Tisch. Wir könnten den Tisch wahrnehmen, als das was er ist, was 1822 gewesen ist. Aber wir alle leben ja mit unserer Geschichte, Kultur, unseren Codes, also sehen die einen die Beschädigung der Fotografie, die anderen die Blumen und die Flasche Wein. Manche fragen sich, wo ist das Essen oder wie ist der Tisch denn eingedeckt, warum liegt der Löffel links? Wo ist die Gabel? Oder gibt es nur eine Suppe und Brot und Wein? Was soll das? Wer deckt so einen Tisch? Es ist also ein langer Weg, bis wir das Bild als Zeugnis und Bestätigung einer Realität erkennen und sehen und nicht als Gemälde, nicht als eine Kurzgeschichte.
Nur ein Beispiel, was wir leisten sollten und müssen, um Geschichte und Ereignisse, Weltgeschehen oder auch nur das Lächeln der Nachbarin auf dem Nachhauseweg vom Dorfladen zu verstehen. In der Regel machen wir es uns einfach, heute mehr denn je, weil wir fortwährend in der Wirklichkeit und in den Medien mit Eindrücken, Bildern, Fakes bombardiert werden, also benutzen wir die Vorurteile, Stereotypen, je nach eigener Geschichte. Der gedeckte Tisch hätte kaum eine Chance in seiner Existenz als Zeugnis wahrgenommen zu werden. Dem Tisch macht das nichts, aber wir verkommen mit unseren ‚Urteilen‘ und finden keinen eigenen Standpunkt, der ein Zeugnis sein könnte.
Was wünsche ich mir? Dass wir lauter und deutlicher werden in unserem Widerstand gegen den anrollenden Faschismus, gegen die hässliche Macht der reichen Männer, Oligarchen, Diktatoren – und der unsäglich dummen Menschen, die in ihrer Angst, Not nicht mehr hinschauen, was geschieht, was gerade ihnen angetan wird. Sie begreifen nicht, dass wir tatsächlich einen ‚Klassenkampf‘ haben. Löhne müssen nicht mehr zum Leben reichen, sagte einer der reichen Männer. Ja, an manchen Tage macht das alles nur noch müde, aber wir dürfen nicht beiseite gehen.
Was tue ich? Schreiben, Atmen, Schauen, Zuhören. Und manchmal denke ich die Wiesen voller Schlüsselblumen am Bodensee. Früher. Sehr viel früher im Leben. Und: Ich freue mich, dass die Zusammenarbeit mit dem Berliner Journalist und Tönesammler weitergeht. Hier ein Link zu allen vertonten Gedichten, zu allen Songs.
Jay